Der geschlossene Mikrokosmos und die Frage der Privatsphäre auf dem Mobiltelefon
Die Frage, wie viel Privatsphäre auf einem Mobiltelefon möglich ist, beschäftigt Nutzer und Fachleute gleichermaßen. Ein bekannter Hersteller hat für sein mobiles Betriebssystem einen Weg eingeschlagen, der sich grundlegend von dem offenen Ansatz anderer Anbieter unterscheidet. Während das konkurrierende System darauf ausgelegt ist, Veränderungen und Erweiterungen durch Dritte zuzulassen, hat dieser Hersteller eine abgeschlossene Umgebung geschaffen, in der die Kontrolle über die Programme und die Daten beim Unternehmen verbleibt. Für den Nutzer bedeutet dies einerseits eine gewisse Sicherheit, andererseits aber auch eine eingeschränkte Freiheit. Die folgenden Ausführungen beleuchten, an welchen Stellen der Nutzer dennoch Einblick in die Datensammlung erhält und wie er seine Privatsphäre schützen kann. Die Beschreibungen beziehen sich auf eine bestimmte Ausgabe des Betriebssystems, die in den vergangenen Jahren verbreitet war.
Der Kompromiss zwischen Komfort und Privatsphäre
Die Entscheidung, welche Funktionen der Nutzer aktiviert und welche er deaktiviert, ist stets ein Kompromiss zwischen Komfort und Privatsphäre. Wer alle Funktionen nutzt, hat ein bequemes und reibungsloses Erlebnis, gibt aber auch viele Daten preis. Wer hingegen alle Funktionen deaktiviert, schützt seine Privatsphäre, muss aber auf viele Annehmlichkeiten verzichten. Der Nutzer muss für sich selbst entscheiden, wo er die Grenze zieht. Die folgenden Abschnitte zeigen, an welchen Stellen der Nutzer Einfluss nehmen kann und welche Konsequenzen die jeweiligen Entscheidungen haben.
Ein anderer Weg als das offene System
Während das konkurrierende System deutlich offener für Veränderungen und neue Programme gestaltet ist, hat der Hersteller einen eigenen Mikrokosmos geschaffen. Anwendungen lassen sich im Standard nur aus der hauseigenen Vertriebsplattform installieren. Ein Aufbrechen dieser Einschränkung ist nur mit immensem Aufwand zu betreiben. Der Nutzer bewegt sich somit in einer Umgebung, die stark von den Vorgaben des Herstellers geprägt ist. Diese Geschlossenheit bietet zwar Schutz vor unerwünschter Software, schränkt aber die Freiheit des Nutzers erheblich ein.
Die Philosophie hinter dem geschlossenen System
Der Hersteller verfolgt mit seinem geschlossenen System eine klare Philosophie: Der Nutzer soll sich keine Gedanken über die Sicherheit seiner Daten machen müssen. Jede Anwendung wird vor der Veröffentlichung geprüft und muss strenge Vorgaben erfüllen. Diese Kontrolle durch den Hersteller soll verhindern, dass schädliche Programme in die Hände der Nutzer gelangen. Gleichzeitig bedeutet diese Kontrolle aber auch, dass der Nutzer weniger Freiheit hat, sein Gerät nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten. Die Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit ist somit ein zentrales Thema des geschlossenen Systems.
Der Sprachassistent und seine Datensammlung
Der Hersteller hat frühzeitig einen tief in das System integrierten Sprachassistenten eingeführt. Dieser Assistent ist auf dem Mobiltelefon und dem tragbaren Gerät vorinstalliert und steht dem Nutzer jederzeit zur Verfügung. Wie alle Sprachassistenten sammelt auch dieses Programm eifrig Daten über die Gewohnheiten und Vorlieben des Nutzers. Die auf diese Weise gesammelten Informationen werden in Form einer Suchhistorie im vernetzten Speicher des Herstellers abgelegt. Der Nutzer hat jedoch die Möglichkeit, diese Daten einzusehen und zu löschen, wenn er dies wünscht.
Gespeicherte Sprachdaten im vernetzten Speicher löschen
Um die gespeicherten Sprachdaten zu entfernen, öffnet der Nutzer die Einstellungen des Betriebssystems und wählt das eigene Konto aus. Von dort aus geht er in den Bereich des vernetzten Speichers und wählt die Option zur Verwaltung des Speicherplatzes. Auf der darauffolgenden Seite scrollt er bis ganz nach unten, wo er den Eintrag für den Sprachassistenten findet. Durch das Auswählen der Option zum Deaktivieren und Löschen werden die Daten des Sprachassistenten im vernetzten Speicher entfernt. Der Assistent wird dadurch dauerhaft deaktiviert und kann erst wieder genutzt werden, wenn der Nutzer ihn erneut aktiviert.
Der Sprach- und Diktierverlauf auf dem Gerät
Neben den Daten im vernetzten Speicher gibt es auch einen Sprach- und Diktierverlauf direkt auf dem Mobiltelefon oder dem tragbaren Gerät. Aufgenommene Sprachbefehle werden für das Diktieren von Text verwendet und zu Analysezwecken herangezogen. Um diesen Verlauf zu löschen, öffnet der Nutzer die Einstellungen und wählt den Bereich des Sprachassistenten aus. Dort findet er die Option, den Sprach- und Diktierverlauf zu löschen. Mit einem entsprechenden Hinweis wird der Verlauf anschließend vollständig entfernt.
Analyse und Verbesserung als Datenquelle
Wer nicht möchte, dass die Daten aus dem Sprach- und Diktierverlauf ausgewertet werden, kann diese Funktion deaktivieren. Dazu öffnet der Nutzer die Einstellungen und wählt den Bereich des Datenschutzes aus. Ganz unten findet er den Abschnitt für Analyse und Verbesserungen. Dort kann er alle Optionen deaktivieren, die der Hersteller zur Verbesserung seiner Produkte nutzt. Auf diese Weise wird verhindert, dass Daten aus dem Sprachverlauf für Analysezwecke herangezogen werden und an den Hersteller fließen.
Den Sprachassistenten vollständig abschalten
Wer den Sprachassistenten gar nicht nutzen möchte, kann ihn auch vollständig ausschalten. Dazu öffnet der Nutzer die Einstellungen und wählt den Bereich des Sprachassistenten aus. Dort findet er mehrere Schalter, die er deaktivieren kann, um die Funktion abzuschalten. Nach dem Deaktivieren erscheint eine Sicherheitsabfrage, in der der Nutzer bestätigen muss, dass er den Assistenten wirklich deaktivieren möchte. Erst nach dieser Bestätigung wird der Assistent vollständig abgeschaltet und sammelt keine weiteren Daten mehr.
Die Ortungsfunktion deaktivieren
Auch das mobile Gerät versucht stets, über die aktuelle Position auf dem Laufenden zu bleiben und damit verschiedene Funktionen zu optimieren. Deaktiviert der Nutzer die Ortung, so sind viele Anwendungen nicht mehr in der Lage, wie gewohnt zu funktionieren. Wer diese Funktionen jedoch ohnehin nicht verwendet und den Datenschutzgedanken in den Vordergrund stellt, kann die Ortung abschalten. Dazu öffnet der Nutzer die Einstellungen, wählt den Bereich des Datenschutzes aus und deaktiviert den Schalter für die Ortungsdienste. Anschließend deaktiviert er alle Optionen zum Teilen des Standorts und bestätigt die Sicherheitsabfrage, um die Ortung vollständig abzuschalten.
Berechtigungen für einzelne Anwendungen steuern
Falls der Nutzer nicht komplett auf die Ortungsfunktion verzichten möchte, ist es ein sinnvoller Kompromiss, einzelnen Anwendungen die Berechtigung zu entziehen. Unter dem Dialog für die Ortungsdienste findet sich eine Liste aller Anwendungen, die die Ortung verwenden. Für jede Anwendung kann der Nutzer auswählen, ob diese die Berechtigung nicht, nur beim Verwenden der Anwendung oder immer haben soll. Nur bei Anwendungen, die im Hintergrund laufen und dabei die Ortung benötigen, sollte die dauerhafte Berechtigung eingestellt sein. Auf diese Weise lässt sich die Ortung gezielt steuern, ohne auf alle Funktionen verzichten zu müssen.
Die Liste der besuchten Orte
Im Zusammenhang mit der Ortung auf dem mobilen Gerät ist die Tatsache wenig bekannt, dass das System genau Buch darüber führt, wo der Nutzer zu welchem Zeitpunkt war. Dabei wird auch ermittelt, welche Orte aufgrund der Häufigkeit der Besuche besonders wichtig für den Nutzer sind. Die Liste dieser Orte ist ziemlich gut versteckt und findet sich tief in den Einstellungen unter den Systemdiensten. Der Zugriff darauf ist durch die Geheimzahl, die Gesichtserkennung oder den Fingerabdruck geschützt. Nachdem der Nutzer sich angemeldet hat, sieht er die Städte, in denen er war, in einer übersichtlichen Darstellung.
Einzelheiten zu den besuchten Orten
Wählt der Nutzer eine Stadt aus, so bekommt er Informationen über die Adresse, die Fahrtzeit dorthin sowie das Datum und die Uhrzeit der Ankunft an diesem Ort. So schön der damit verbundene Erinnerungseffekt sein mag, ist es dennoch ratsam, diese Funktion auszuschalten. Es sei denn, der Nutzer hat einen wirklich wichtigen Grund, diese Informationen auf seinem Gerät zu speichern. Die gesammelten Daten geben ein sehr genaues Bild der Bewegungsgewohnheiten des Nutzers wieder. Aus Gründen der Privatsphäre sollte diese Funktion daher deaktiviert werden, um keine unnötigen Daten auf dem Gerät zu belassen.
Vorabversionen von Anwendungen prüfen
Der Hersteller bietet eine offizielle Möglichkeit, Vorabversionen von Anwendungen zum Testen zu erhalten. Entwickler können auf diese Weise an den Prüfungen und Normen des Herstellers vorbei frühe Versionen ihrer Anwendung an einen eingeschränkten Anwenderkreis schicken. Diese Anwender können die Anwendungen testen und Fehler melden, die dann bis zur offiziellen Veröffentlichung behoben werden können. Hier besteht ein gewisses Risiko, dass der Nutzer sein Gerät für Schadfunktionen öffnet. Dieses Risiko geht der Nutzer als Tester jedoch bewusst ein, da er weiß, dass es sich um eine Vorabversion handelt.
Anwendungen und ihre Zugriffsrechte
Auch auf dem Mobiltelefon des Herstellers sind es die Anwendungen, die das Gerät erst wirklich interessant und nützlich machen. Der Hersteller ist allerdings deutlich restriktiver als der Konkurrent, wenn es um die Quellen dieser Anwendungen geht. Die hauseigene Vertriebsplattform ist die einzige zugelassene Quelle für Anwendungen. Im Standard gibt es keine Möglichkeit, Anwendungen am Hersteller vorbei zu installieren. Für alle installierten Anwendungen kann der Nutzer jedoch die Berechtigungen separat steuern und so die Kontrolle über seine Daten behalten.
Berechtigungen im Detail verwalten
Um die Berechtigungen zu verwalten, öffnet der Nutzer die Einstellungen und wählt den Bereich des Datenschutzes aus. Dort sieht er alle Berechtigungen, die Anwendungen haben können, in einer übersichtlichen Liste. Wählt er eine bestimmte Berechtigung aus, so sieht er eine Liste aller Anwendungen, die diese Berechtigung nutzen wollen. Der Nutzer kann nun die einzelnen Anwendungen aktivieren oder deaktivieren, je nachdem, welche Berechtigungen er ihnen erteilen möchte und welche nicht. Auf diese Weise behält er die Kontrolle darüber, welche Anwendung auf welche Daten und Funktionen zugreifen darf.
Das Aufbrechen der Systemsperre
Der Begriff für das Aufbrechen der Systemsperre beschreibt schon sehr gut die vermeintliche Notlage, in der sich einige Anwender sehen: gefangen im Gefängnis der Vorgaben des Herstellers. Es handelt sich um eine Methode, um die höchstmöglichen Berechtigungen auf dem Gerät zu erlangen. Damit kann der Nutzer das Betriebssystem zu einem quasi vollwertigen freien System machen und frei Programme installieren. Er kann auf das sonst gesperrte Dateisystem zugreifen und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt und gehen weit über das hinaus, was der Hersteller erlaubt.
Die Gefahren des Aufbrechens der Systemsperre
Das, was das Aufbrechen der Systemsperre dem Nutzer bietet, ist allerdings vergleichbar mit der Situation eines Söldners in einer Stadt, in der Anarchie herrscht: grenzenlose Freiheiten, dafür aber auch nahezu unbeschränkte Risiken. Jede Anwendung, die installiert wird und nicht aus der hauseigenen Vertriebsplattform stammt, kann potenziell alles machen. Damit kann sie auch auf die Daten des Nutzers zugreifen und diese weitergeben, wohin sie mag. Wer kein echter Experte ist, sollte von dieser Möglichkeit daher besser die Finger lassen. Die Sicherheit des Geräts und der Daten des Nutzers steht auf dem Spiel und sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.




























