Das Mobiltelefon als Datensammler: Wie das Gerät in der Hosentasche unser Leben durchleuchtet und was wir dagegen tun können
In einer Zeit, in der nahezu jeder Mensch ein tragbares Gerät mit sich führt, das weit mehr kann als bloße Sprachübermittlung, stellt sich die Frage nach dem Schutz der eigenen Daten dringlicher denn je. Was einst als einfaches Hilfsmittel zum Telefonieren begann, hat sich zu einem allgegenwärtigen Begleiter entwickelt, der jeden Schritt, jede Bewegung und jede Gewohnheit seines Besitzers aufzeichnet. Die meisten Menschen machen sich im Alltag kaum Gedanken darüber, welche Fülle an Informationen ihr ständiger Begleiter still und leise zusammenträgt und an wen diese Informationen weitergereicht werden. Dabei liegt es in der Hand eines jeden Einzelnen, mit wenigen gezielten Handlungen die eigene Sichtbarkeit für andere erheblich zu verringern. Der folgende Text beleuchtet die verschiedenen Quellen der Datenerhebung auf dem Mobiltelefon und zeigt Wege auf, wie man die eigene Privatsphäre wirksam schützen kann.
Der treueste Begleiter des modernen Menschen
Das Mobiltelefon ist für die meisten Menschen zum engsten Vertrauten, zum zuverlässigsten Begleiter und zum erweiterten Gedächtnis geworden. Es speichert Erinnerungen in Form von Bildern, verwaltet Termine, merkt sich Wege und enthält eine Fülle persönlicher Informationen, die kein anderes Gerät in dieser Dichte vereint. Kurz gesagt handelt es sich um das größte Sammelbecken an Daten, das sich ein einzelner Mensch vorstellen kann. Dennoch empfinden viele Besitzer ihr Gerät nach wie vor in erster Linie als ein Telefon und blenden die übrigen Funktionen gedanklich aus. Diese unterschätzte Vielseitigkeit macht das Mobiltelefon zu einem besonders heiklen Werkzeug, wenn es um den Schutz der eigenen Privatsphäre geht.
Vom einzelnen Gerät zum vereinten Alleskönner
Mobiltelefone sind schon seit vielen Jahren keine reinen Sprechgeräte mehr, und die Entwicklung hin zu einem einzigen vereinten Gerät, das zahlreiche frühere Einzelgeräte ersetzt, schreitet unaufhaltsam voran. Wer sich an frühere Zeiten zurückerinnert, weiß, dass man einst ein Mobiltelefon, einen Fotoapparat, einen tragbaren Musikspieler, ein tragbares Navigationsgerät, einen Kalender und ein Adressbuch als getrennte Gegenstände mit sich führte. Jedes dieser Geräte trug bereits damals persönliche Daten in sich, doch diese Daten waren voneinander getrennt gespeichert und ließen sich nur mühsam zusammenführen. Durch die Vereinigung all dieser Funktionen in einem einzigen Gerät kommen nun auch sämtliche Daten an einem Ort zusammen. Die Menge der gesammelten Informationen und vor allem deren Aussagekraft über den Besitzer haben dadurch in einem Maße zugenommen, das viele Menschen unterschätzen.
Die Fülle der Sensoren und ihre stille Arbeit
Grund genug, auf dem eigenen Mobiltelefon sehr genau darauf zu achten, welche Daten erhoben werden und an welche Stellen diese weitergeleitet werden. Das Gerät in der Hosentasche verfügt über eine Vielzahl eingebauter Fühler, die neben den installierten Anwendungen eine erstaunliche Menge über den Alltag des Besitzers verraten können. Diese Fühler arbeiten still und unauffällig im Hintergrund, ohne dass der Nutzer sie bewusst wahrnimmt oder ihre Tätigkeit hinterfragt. Jede einzelne Information für sich genommen mag unbedeutend erscheinen, doch in der Summe ergibt sich ein detailreiches Bild des gesamten Lebens. Es lohnt sich daher, die wichtigsten Quellen der Datenerhebung einzeln zu betrachten und ihre Wirkungsweise zu verstehen.
Die ständige Erfassung des Standorts
Bei einem stationären Rechner auf dem Schreibtisch ist die Frage nach dem Standort kaum von Bedeutung, denn das Gerät steht an einem festen Ort, der sich ohnehin aus dem Adressbuch ergibt. Bei einem tragbaren Gerät verhält es sich grundlegend anders, denn man trägt es im Rucksack, in der Hosentasche oder in der Jackentasche mit sich und denkt kaum darüber nach. Das Gerät ist dabei unmerklich aktiv und erfasst fortlaufend Daten über den jeweiligen Aufenthaltsort. Neben der Satellitenortung liegen auch die Informationen über die umliegenden drahtlosen Funknetze ständig vor und verraten den ungefähren Standort. Wer diese beiden Funktionen abschaltet, wähnt sich vermeintlich in Sicherheit, doch die Mobilfunkverbindung bleibt weiterhin aktiv, solange das Gerät als Telefon nutzbar sein soll.
Ortung über Funkzellen und drahtlose Netze
Auch über die Mobilfunkverbindung lässt sich der Standort des Geräts bestimmen, wenn auch nicht auf den Meter genau. Anstelle der empfangenen drahtlosen Netze und deren Signalstärke werden dabei die umliegenden Funkzellen des Mobilfunkanbieters herangezogen. Die Ortung ist weniger präzise als über die Satellitennavigation, liefert aber dennoch einen ungefähren Aufenthaltsbereich. Solange das Mobiltelefon eingeschaltet ist und eine Verbindung zum Netz hält, lässt sich diese grobe Ortung nicht vollständig unterbinden. Man sollte sich dieser Tatsache bewusst sein und abwägen, in welchen Situationen man das Gerät tatsächlich benötigt und wann man es getrost ausschalten kann.
Der Bewegungsfühler als stiller Beobachter
Die meisten Mobiltelefone besitzen darüber hinaus einen eingebauten Bewegungsfühler, der ursprünglich vor allem der Bedienung des Geräts und der Nutzung von Sportfunktionen dienen soll. Kurze und heftigere Erschütterungen werden als Schritte gewertet, und durch die Bewegung des Geräts mit einer bestimmten Geschwindigkeit und Richtung wird beispielsweise die automatische Ausrichtung der Anzeige zwischen Hochformat und Querformat ausgelöst. Auch die Lage des Geräts im Raum wird fortlaufend erfasst und für die Steuerung der Darstellung genutzt. Diese Informationen lassen durchaus Rückschlüsse darauf zu, wie sich der Besitzer des Geräts durch den Tag bewegt. Für sich genommen mögen diese Daten unwichtig erscheinen, doch in der Summe aller gesammelten Informationen formen sie ein immer deutlicheres Gesamtbild des eigenen Lebens.
Mikrofon und Kamera als allgegenwärtige Aufzeichnungsgeräte
Wie bei anderen technischen Geräten sind auch im Mobiltelefon ein Mikrofon und eine Kamera fest verbaut, die jederzeit Daten erfassen können. Wer ein Foto aufnimmt, erzeugt damit nicht nur ein Bild der Umgebung, sondern speichert zugleich einen Ortungsvermerk, der genau festhält, wann und wo die Aufnahme entstanden ist. Das Gerät weiß dadurch, wann sich der Besitzer an welchem Ort aufgehalten hat und wie die dortige Umgebung beschaffen war. Auch das Mikrofon spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn ohne es lässt sich schlichtweg kein Telefongespräch führen. Zugleich eröffnet es aber die Möglichkeit, dass Gespräche oder Umgebungsgeräusche ohne das bewusste Zutun des Besitzers aufgezeichnet werden.
Zustimmung durch unbedachtes Annehmen von Bedingungen
Das Abhören geschieht allerdings nicht einfach so, ohne jegliche Zustimmung und völlig im Verborgenen. Die Zustimmung erteilt der Besitzer des Geräts jedoch häufig selbst, und zwar in vielen Fällen leichtfertig und ohne sich der Tragweite bewusst zu sein. Besonders dann, wenn eine vermeintlich nützliche und kostenfreie Anwendung installiert werden soll, muss man deren Nutzungsbedingungen einmalig annehmen, um die Anwendung überhaupt starten zu können. Die wenigsten Menschen lesen sich diese Bedingungen tatsächlich aufmerksam durch, geschweige denn, dass sie jeden einzelnen Punkt verstehen. Hand aufs Herz: Wer kann von sich behaupten, die vollständigen Nutzungsbedingungen jeder einzelnen Anwendung auf seinem Gerät wirklich gelesen und begriffen zu haben?
Der Fall einer horchenden Anwendung
Vor einigen Jahren wurde beispielsweise bekannt, dass ein bestimmtes Programm in über tausend verschiedenen Anwendungen integriert war und im Hintergrund Geräusche aufzeichnete. Der dahinterstehende Dienst sorgte für eine auf den jeweiligen Nutzer zugeschnittene Werbung, indem beim Start einer Anwendung die ersten Sekunden der Umgebungsgeräusche über das Mikrofon aufgenommen wurden. Danach wurden in regelmäßigen Abständen von etwa einer Viertelstunde jeweils erneut kurze Geräuschabschnitte erfasst. Aus diesen Geräuschbruchstücken wurde ein akustischer Fingerabdruck erstellt, der anschließend an die Zentralrechner des Anbieters übermittelt wurde. Die vollständigen Tonaufzeichnungen wurden dabei vermutlich nicht übertragen, da sie ein zu großes Datenvolumen verursacht hätten, dennoch bleibt diese Vorgehensweise äußerst bedenklich.
Die trügerische Sicherheit der Nutzungsbedingungen
Bei allen untersuchten Anwendungen, die dieses horchende Programm verwendeten, wurde die Funktionsweise in den Nutzungsbedingungen erklärt, und der Nutzer musste diese bestätigen. Nur hat kaum jemand diese Erklärungen wirklich gelesen, geschweige denn in ihrer gesamten Bedeutung verstanden. Die Zustimmung wurde somit zu einer bloßen Formalität, die man mit einem schnellen Fingertipp erledigte, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Dieser Vorgang zeigt exemplarisch, wie leichtfertig persönliche Daten preisgegeben werden, wenn der Wunsch nach einer kostenfreien Anwendung das kritische Lesen verdrängt. Es ist ein eindringliches Beispiel dafür, dass technische Bequemlichkeit oft mit einem hohen Preis an Privatsphäre erkauft wird.
Das Mobiltelefon als digitale Geldbörse
Seit einiger Zeit kann das Mobiltelefon auch als virtuelle Kreditkarte eingesetzt werden, indem die großen Gerätehersteller eigene Bezahldienste anbieten. Dabei wird die Kreditkarte eines teilnehmenden Geldinstituts digital auf dem Mobiltelefon hinterlegt und über einen eingebauten Funkchip für die berührungslose Übertragung nutzbar gemacht. An der Kasse eines unterstützenden Geschäfts wird das Gerät einfach auf das Lesegerät gelegt, und die Zahlung wird ohne weiteren Kontakt ausgelöst. Der Besitzer muss weder eine Karte zücken noch eine Geheimzahl eingeben, was den Vorgang besonders bequem erscheinen lässt. Diese Bequemlichkeit wirft jedoch unweigerlich die Frage auf, welche Daten dabei erzeugt werden und wer Zugriff auf sie erhält.
Sicherheitsbedenken und tatsächlicher Schutz beim mobilen Bezahlen
Auf den ersten Blick könnte man annehmen, dass das Bezahlen mit dem Mobiltelefon ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt. Die allgemeine Bewertung durch Fachleute fällt jedoch überraschend anders aus, denn die großen Hersteller ersetzen die tatsächliche Kreditkarte durch eine virtuelle Entsprechung. Der Händler bekommt die echte Kartennummer dabei niemals zu sehen, was den Missbrauch durch Dritte erheblich erschwert. Hinzu kommt, dass auf dem Gerät selbst ein zusätzlicher Schutz eingerichtet werden kann, sei es in Form einer Geheimzahl, eines Fingerabdrucks oder einer Gesichtserkennung. Eine verlorene Kreditkarte ist bis zu ihrer Sperrung oder bis zum Erreichen der Höchstgrenze weiter nutzbar, während beim Mobiltelefon zunächst die Gerätesicherung überwunden werden muss, bevor eine Zahlung freigegeben werden kann.
Der unterschiedliche Umgang der Anbieter mit Zahlungsdaten
Die beiden großen Anbieter von Bezahldiensten gehen mit den anfallenden Daten allerdings sehr unterschiedlich um. Der eine Anbieter verleibt die Transaktionsdaten seinem allgemeinen Datenschatz ein, selbst wenn der Nutzer den Dienst eigentlich nur zur Abrechnung und nicht für Werbezwecke verwenden möchte. Der andere Anbieter hingegen soll nicht einmal die Einzelheiten der einzelnen Transaktionen übermittelt bekommen. Lediglich die Position der Geschäfte, in denen per Mobiltelefon bezahlt wird, kann dabei übertragen werden, was sich in den Einstellungen der digitalen Geldbörse jedoch abschalten lässt. Unabhängig vom genauen Umgang der Anbieter erzeugt das Bezahlen mit dem Mobiltelefon zumindest auf dem Gerät selbst Daten, die bei einer Auswertung eine Menge über den Besitzer aussagen könnten.
Der einfachste Schutz: Verzicht auf bestimmte Funktionen
Wer sich über die Datenflut beim mobilen Bezahlen Sorgen macht, für den gibt es eine denkbar einfache Abhilfe. Man verzichtet schlicht darauf, die Zahlfunktion des eigenen Mobiltelefons zu nutzen, und greift stattdessen zur herkömmlichen Karte oder zum Bargeld. Auf diese Weise fallen die betreffenden Daten erst gar nicht an, und man muss sich keine Gedanken über deren Weiterverwendung machen. Diese Lösung ist deutlich leichter umzusetzen als der Schutz vor anderen Datenquellen, die sich nicht so einfach abschalten lassen. Jeder Mensch kann somit zumindest in diesem Bereich selbst entscheiden, wie viel er von sich preisgeben möchte und wie viel er für sich behält.
Die eigene Entscheidung über Sichtbarkeit und Datenschutz
Mit ein wenig Aufmerksamkeit und wenigen gezielten Handlungen kann jeder Besitzer eines Mobiltelefons Einfluss darauf nehmen, für andere weniger sichtbar zu werden. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich selbst bestimmen, welche Daten das eigene Gerät sammelt, speichert und an Dritte weitergibt. Diese Entscheidung erfordert keine technischen Fachkenntnisse, sondern lediglich die Bereitschaft, sich einen Augenblick mit den Einstellungen des Geräts auseinanderzusetzen. Man muss nicht jede Funktion nutzen, die angeboten wird, und man muss nicht jeder Anwendung jede Berechtigung einräumen. Das Bewusstsein dafür, dass das Mobiltelefon weit mehr ist als ein Telefon, ist der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Umgang mit den eigenen Daten.






















