Die mythischen Ursprünge Roms und die Konstruktion einer kollektiven Identität
Die Ursprünge der ewigen Stadt Rom sind in ein dichtes Geflecht aus Mythen, Legenden und politischen Deutungen gehüllt, das weit über die bloße historische Faktenlage hinausgeht. In der Antike diente die Auseinandersetzung mit diesen Gründungserzählungen nicht nur der Unterhaltung, sondern vor allem der Legitimation von Macht, der Definition einer kollektiven Identität und der Abgrenzung zu anderen Kulturen des Mittelmeerraums. Die verschiedenen Versionen der Stadtgründung spiegeln dabei den Wandel des römischen Selbstverständnisses wider und zeigen, wie stark sich die römische Elite mit der Vergangenheit auseinandersetzte, um ihre gegenwärtige Stellung in der Welt zu festigen.
Die Vielfalt der römischen Gründungserzählungen
Die Sage von Romulus und Remus ist spannend, verwirrend und überaus aufschlussreich in Bezug auf die großen römischen Themen, die zumindest die Elite beschäftigten. Nach den Münzbildern und den Themen populärer Kunstwerke zu urteilen, waren diese Geschichten in weiten Kreisen bekannt, auch wenn einfache Bauern sich wohl keine sonderlichen Gedanken über die Feinheiten der Entführung der Sabinerinnen machten. Zu diesem ohnehin schon komplexen Bild bezüglich der Ursprünge der Stadt kam erschwerend hinzu, dass die Sage von Romulus und Remus nicht die einzige Gründungslegende war. Parallel dazu existierten noch einige andere Erzählungen, die kleinere Varianten zu Standardmotiven, aber auch völlig alternative Ansätze enthielten.
Griechische Einflüsse auf die römische Abstammung
So baute eine griechische Version den berühmten Odysseus und Anklänge an die Odyssee in die Geschichte ein und behauptete, der Gründungsvater Roms sei ein gewisser Romus gewesen. Dieser Romus war angeblich ein Spross aus einer Beziehung des Odysseus mit der Zauberin Kirke, deren magische Insel nach manchen Vorstellungen vor der italienischen Küste lag. Das war ein klarer, wenngleich wenig plausibler Fall von kultureller Vereinnahmung, der Rom eine griechische Abstammung zuschrieb. Solche Erzählungen zeigten den starken Einfluss, den die griechische Kultur auf das römische Selbstverständnis ausübte.
Die Flucht des trojanischen Helden
Die andere Legende, die ebenso fest in der römischen Geschichtsschreibung und Literatur verwurzelt war, ist die Geschichte des trojanischen Helden Aeneas. Nach dem mythischen Krieg zwischen Griechen und Trojanern flüchtete er mit seinem Sohn an der Hand und seinem alten Vater auf den Schultern aus dem brennenden Troja. Er schlug sich schließlich bis nach Italien durch, wo es ihm bestimmt war, auf italienischem Boden seine Heimatstadt neu zu gründen. Er brachte die Traditionen seiner Heimat und sogar einige kostbare Schutzbringer mit, die er aus den Ruinen gerettet hatte.
Die künstlerische und literarische Verarbeitung
In dieser Legende gibt es ebenso viel Verwirrendes, Problematisches und Mehrdeutiges wie in der Romulus-Sage und viele ungeklärte Fragen, wo, wann und warum sie entstanden ist. Noch komplizierter, aber auch enorm bereichert wird das Bild durch das großartige Epos zu diesem Thema, das während der Regentschaft des ersten römischen Kaisers Augustus geschrieben wurde und zu einem der meistgelesenen literarischen Werke aller Zeiten gehört. Es wurde zu der Aeneas-Legende schlechthin und bescherte der westlichen Welt einige ihrer wirkmächtigsten literarischen und künstlerischen Höhepunkte. Darunter fällt auch die tragische Liebesgeschichte von Aeneas und Dido, der Königin von Karthago, wo der Held auf seiner Reise von Troja nach Italien angespült wird.
Das tragische Ende der Königin von Karthago
Als Aeneas beschließt, Dido zu verlassen, um seiner Bestimmung folgend nach Italien aufzubrechen, nimmt sie sich das Leben, indem sie sich in einen brennenden Scheiterhaufen stürzt. In einer späteren Oper aus dem 17. Jahrhundert singt sie in ihrer bewegenden Arie noch einmal ergreifend von der Erinnerung an ihre Liebe. Problematisch ist, dass sich oft schwer unterscheiden lässt, welche Elemente der Geschichte wir dem Dichter verdanken und welche zu einer älteren Überlieferung gehören. Nahezu mit Sicherheit stammt der größte Teil der Begegnung mit Dido aus der Feder dieses Autors.
Frühe Erwähnungen in der griechischen Literatur
Es steht außer Zweifel, dass die Figur des Aeneas als Gründer Roms schon lange vor dem 1. Jahrhundert vor Christus in der Literatur vorkam und ihre Spuren in der literarischen Landschaft hinterließ. Flüchtige Hinweise auf ihn in dieser Rolle finden sich bei griechischen Schriftstellern des 5. Jahrhunderts vor Christus. Im 2. Jahrhundert vor Christus erinnerten Gesandte der griechischen Insel Delos, die um ein Bündnis mit Rom ersuchten, die Römer nachdrücklich daran, dass Aeneas auf seiner Fahrt nach Westen auf Delos haltgemacht habe.
Archäologische und religiöse Spuren des Helden
Ein griechischer Historiker war fest überzeugt, in der Stadt Lavinium unweit von Rom das Grab des Aeneas gesehen zu haben, zumindest aber ein altes Denkmal für ihn, das er als sehenswert erachtete. Nach einer verbreiteten Überlieferung befand sich unter den Kostbarkeiten im Tempel der Göttin Vesta auf dem Forum Romanum ebenjene Statue der Pallas Athene, die Aeneas aus Troja mitgebracht hatte. Dort hüteten jungfräuliche Priesterinnen wie Rhea Silvia aus der Romulus-Legende ein heiliges Feuer, das nie verlöschen durfte. Da jedoch verschiedene rivalisierende Kandidaten den Anspruch erhoben, dieses berühmte Bildnis gerettet zu haben, behaupteten zahlreiche Städte der griechischen Welt, die echte Skulptur zu besitzen.
Der Versuch der historischen Vereinheitlichung
Es versteht sich von selbst, dass die Aeneas-Sage ebenso ein Mythos ist wie die Romulus-Legende. Römische Gelehrte zerbrachen sich jedoch den Kopf über die Beziehung dieser beiden Gründungsgeschichten und verwendeten sehr viel Energie auf den Versuch, sie historisch in Einklang zu bringen. Sie fragten sich, ob Romulus der Sohn oder vielleicht der Enkel des Aeneas war und wie beide die Stadt gegründet haben konnten, wenn Romulus der eigentliche Gründer war. Vor die größten Schwierigkeiten stellte sie die zeitliche Lücke, die zwischen dem von den Römern errechneten Gründungsjahr ihrer Stadt im 8. Jahrhundert vor Christus und dem gemeinhin im 12. Jahrhundert vor Christus vermuteten Fall Trojas klaffte.
Die Konstruktion eines verbindenden Stammbaums
Bis zum 1. Jahrhundert vor Christus hatten sie eine gewisse Stimmigkeit erzielt, nämlich durch die Konstruktion eines komplizierten Stammbaums, der Aeneas und Romulus verband und den richtigen Zeiten zuordnete. Aeneas galt nun nicht mehr als Gründer von Rom, sondern von Lavinium, und sein Sohn Ascanius sollte Alba Longa gegründet haben. Dies war die Stadt, aus der Romulus und Remus später ausgesetzt wurden, bevor sie Rom gründeten. Eine schemenhafte, selbst nach römischen Maßstäben eklatant fiktive Dynastie der Könige von Alba Longa überbrückte die Kluft zwischen Ascanius und dem magischen Jahr 753 vor Christus.
Die Betonung der ausländischen Abstammung
Die zentrale Aussage der Aeneas-Legende unterstreicht das Motiv, das dem Asylaspekt bei Romulus zugrunde liegt, und verstärkt es noch. Während Romulus alle, die in seine neue Stadt kamen, willkommen hieß, ging die Aeneas-Sage noch weiter und behauptete, die Römer seien in Wirklichkeit ursprünglich Ausländer gewesen. Diese paradoxe nationale Identität steht in krassem Gegensatz zu den Gründungsmythen vieler antiker griechischer Städte wie Athen, die meinten, ihre Urbevölkerung sei auf wundersame Weise der heimischen Erde entsprungen. Auch diverse andere Erzählungen zu den Ursprüngen der Stadt betonen immer wieder diese ausländische Abstammung.
Die Besiedlung durch arkadische Exilanten
In einer Episode des Epos besucht der Held den Ort, an dem später Rom entstehen soll, und findet ihn bereits von primitiven Vorfahren der Römer besiedelt. Diese Siedlergruppe stand unter einem gewissen König Evander, der aus Arkadien auf der Peloponnes ins Exil gegangen ist. Die Aussage ist eindeutig: So weit man auch in die Vergangenheit zurückgeht, die Einwohner der Stadt stammten immer schon aus anderen Regionen. Diese ständige Bewegung und Vermischung prägte das römische Selbstverständnis von Anfang an.
Die faszinierende Wortherkunft der Ureinwohner
Diese Botschaft kommt am prägnantesten in einer merkwürdigen Wortherleitung zum Ausdruck, die unter anderem bei einem griechischen Historiker zu finden ist. Griechische und römische Intellektuelle waren fasziniert von der Wortherkunft, die nach ihrer Überzeugung den Schlüssel nicht nur zum Ursprung eines Begriffs, sondern auch zu seiner Grundbedeutung bildete. Manchmal war ihre Analyse richtig, andere Male völlig falsch, wobei ihre Fehler in diesem Fall sehr aufschlussreich sind. Bereits am Anfang seines Werks stellt der Historiker Überlegungen zu einer weiteren Gruppe noch früherer Ureinwohner des Gebietes an, in dem die Stadt entstand.
Die irreführende Deutung des Begriffes Aboriginen
Eigentlich sprang die Herkunft dieses Wortes gleich ins Auge, denn es waren Menschen, die dort von Anfang an lebten. Fairerweise ist zu sagen, dass der Autor diese Erklärung als Möglichkeit anführt, aber wie viele andere legt er ebenso viel, wenn nicht gar mehr Gewicht auf die höchst unwahrscheinliche Vorstellung, das Wort leite sich nicht vom Ursprung, sondern vom lateinischen Wort für umherirren ab. Es habe sich also um Herumschwärmer gehandelt, die kein gewisses Land als Vaterland bewohnten. Dass ernsthafte Gelehrte in der Antike über die offensichtlich zutreffende Wortherkunft hinwegsehen und die lächerliche Idee bevorzugen konnten, zeugt nicht etwa von ihrer Begriffsstutzigkeit.
Das fließende ethnische Selbstverständnis
Es belegt nur, wie tief die Vorstellung verwurzelt war, dass die Stadt ethnisch immer schon ein fließender Begriff war und die Bewohner sich ständig in Bewegung befunden hatten. Diese Erkenntnis zeigt, dass die römische Identität nicht auf einer starren ethnischen Homogenität basierte, sondern auf der ständigen Integration und Assimilation fremder Gruppen. Der Mythos diente somit als perfektes Werkzeug, um die multikulturelle Realität des Römischen Reiches rückwirkend in der Gründungszeit zu verankern. Auf diese Weise legitimierte die Elite die fortwährende Expansion und die Aufnahme neuer Völker in den römischen Machtbereich.































