Der globale demografische Wandel und die Verschiebung der weltweiten Machtzentren
Die gegenwärtige Epoche ist durch tiefgreifende demografische und ökonomische Umwälzungen gekennzeichnet, die das Gefüge der internationalen Gemeinschaft grundlegend verändern. Während die einen Gesellschaften mit einer beispiellosen Überalterung und einem massiven Rückgang der Geburtenraten zu kämpfen haben, drängen junge, dynamisch wachsende Nationen mit enormem Ressourcenbedarf auf die globale Bühne. Diese Entwicklungen entkoppeln sich von traditionellen westlichen Dominanzstrukturen und erzwingen eine völlig neue Betrachtungsweise globaler Machtverhältnisse.
Die demografische Umkehr in den hochentwickelten Industrienationen
Wenn in der Altenpflege mehr Windeln verbraucht werden als in der Kinderbetreuung, nehmen die Bevölkerungspyramiden drastische und alarmierende Formen an. Dies ist keineswegs ein isoliertes Phänomen, sondern betrifft weltweit zahlreiche hochentwickelte Volkswirtschaften. In einer der drei wichtigsten Volkswirtschaften der Welt liegt der Anteil der Menschen über 65 Jahren bei 23 Prozent. Bis zum Jahr 2060 dürfte dieser Wert auf mehr als 40 Prozent ansteigen. Ende des Jahres 2012 war dieser Inselstaat mit rund 235 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet.
Die finanziellen und sozialen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft
Wie unter diesen strengen Vorgaben Pensionen und Gesundheitskosten finanziert werden sollen, stellt die Behörden vor extrem kniffligen Fragen. Eine mögliche Antwort der Regierung lautet, die Währung abzuwerten, um die eigenen Exporte wieder anzukurbeln. Doch die Demografie hat den längeren Atem und könnte zur entscheidenden Frage für die Zukunft des Landes werden. Hinzu kommt, dass Zuwanderung nur unter sehr hohen Auflagen und stark eingeschränkt möglich ist. So will man den Pflegenotstand abwehren, doch die Gesamtbevölkerung schrumpft in jedem Falle unaufhaltsam.
Die globale Verschiebung der Bevölkerungsschwerpunkte
Im Jahre 1950 lag die Weltbevölkerung bei 2,5 Milliarden Menschen, wovon rund 18 Prozent in Europa lebten. Im Jahre 2030 könnte unter Fortrechnung der aktuellen Daten die Bevölkerung auf 8,4 Milliarden Menschen steigen. Ein Drittel davon wird in Südasien leben, während der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung weiter auf rund sechs Prozent sinken wird. Und der europäische Bevölkerungsanteil wird ein von Pensionisten geprägter sein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 wird unter den Mitgliedstaaten der Union Deutschland im Jahr 2030 mit einem Rentneranteil von 46,2 Prozent mit Abstand das demografisch am meisten belastete Land sein.
Die bedrohliche Geschlechterungleichheit in Asien
Zum anderen kommt eine weitere brisante Entwicklung hinzu, nämlich jene der massiven Geschlechterungleichheit. Weibliche Föten wurden abgetrieben und neugeborene Mädchen ermordet, um zu einem männlichen Nachkommen zwecks Altersversorgung zu kommen. In manchen Regionen Chinas stehen 130 Männern im heiratsfähigen Alter nur 100 Frauen gegenüber. Frauenraub und Massenvergewaltigungen sind eine der vielen Folgen, die auch Indien betreffen. Auch hier hat der niedrige soziale Stellenwert einer Tochter plus der Mitgiftzahlungen zu massiven Tötungen geborener und ungeborener Mädchen seit dem Jahr 1990 geführt.
Warnungen vor den geopolitischen Folgen demografischer Schieflagen
Ein französischer Demograf warnte bereits im Jahr 2011 davor, dass dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in rund 15 Jahren ein Problem für die internationale Politik darstellen wird. Dies sei vergleichbar mit der heutigen Bedrohung durch den Klimawandel. Die Demografie wird neben der Energie zunehmend zum entscheidenden Faktor aller globalen Prozesse. Neben der Versorgung von acht Milliarden Menschen mit Wasser und Nahrungsmitteln stellt sich die Frage des wachsenden Energiebedarfs. Zwischen den Jahren 1970 und 2000 stieg dieser weltweit um 48 Prozent.
Der unstillbare Hunger nach fossilen Energieträgern
In den drei Jahrzehnten zwischen 2000 und 2030 könnte der Energiebedarf zwischen 50 und 70 Prozent anwachsen. Trotz aller Bemühungen, den Teil der fossilen Energie am globalen Anteil zu reduzieren, werden Kohle, Erdöl und Erdgas dennoch weiterhin den wesentlichen Teil aller täglich verbrannten Energie stellen. Im Wettlauf um die Sicherung des physischen Zugangs zu den Erdölfeldern und Kohleminen dieser Welt versuchen die aufstrebenden Wirtschaftsmächte wie China, Russland und Brasilien sich die besten Karten zu sichern. Anhand des Verlaufs von Pipelines und des Erwerbs von Konzessionen lässt sich auch ablesen, in welche Richtung die zukünftigen Energieallianzen verlaufen. Neben den großen asiatischen Wirtschaftsmächten wird in Energiebelangen gerne die Türkei genannt.
Die Türkei als aufstrebende Wirtschaftsmacht und neue Drehscheibe
Das Land zählt mit seiner hohen Einwohnerzahl und expandierenden Wirtschaft zum weiteren Kreis der erfolgreichen aufstrebenden elf Märkte. Die Anzeigentafeln der beiden internationalen Flughäfen von Istanbul wirken wie ein Spiegel, denn sie zeigen deutlich, wie die Machtzentren sich verschieben. Im Stundentakt gehen die Flüge der türkischen Fluglinien in Richtung Nahost, Zentralasien und nach Europa. Fast meint man die alten Einflusszonen des Osmanischen Reiches zu erkennen, wenn man die Destinationen auf den Bildschirmen liest. Von Bosnien bis Turkmenistan zieht sich der dichte Flugplan, während nicht mehr Paris oder Rom die Drehscheiben für Geschäftsreisende bilden.
Das neue Selbstbewusstsein und die innenpolitischen Schatten
Ein wenig Größenwahn mag in den Plänen der seit dem Jahr 2002 regierenden Regierung mitschwingen, den weltgrößten Flughafen in Istanbul in Position zu bringen. Doch die aufstrebende Wirtschaftsmacht straft das alte Bild vom kranken Mann am Bosporus Lügen, das seit dem 19. Jahrhundert in der westlichen Wahrnehmung verankert war. Die Krankensessel stehen gegenwärtig eher an der Seine, am Tiber und an der Themse. Flaniert man durch Istanbul, ist eine Zuversicht unter den Menschen spürbar, wie man sie im westlichen Europa vielerorts vermisst. Und dennoch darf auch die Türkei nicht überschätzt werden, denn innenpolitisch kriselt es zwischen den säkularen Teilen der Gesellschaft und der religiösen Elite.
Die wirtschaftliche Neuordnung und der Aufstieg des Ostens
Europa baue Geriatriezentren und der Osten schaffe Technologiezentren, lautet ein warnender Hinweis, den man von Istanbul bis nach Vietnam immer wieder zu hören bekommt. Bis zum Jahr 2030 werden die Entwicklungsländer rund die Hälfte der Weltwirtschaft stellen, wobei China den wesentlichen Motor bildet. Das Pro-Kopf-Einkommen in China lag laut Statistik des Weltwährungsfonds bei 6644 US-Dollar für das Jahr 2012. Vor zehn Jahren verdiente ein Chinese noch durchschnittlich 1270 US-Dollar, womit sich das Land binnen weniger Jahre vom Niedrigst-Einkommensland zu einem Land mit mittlerem Einkommen entwickelte. Die Bundesrepublik Deutschland stellte dennoch im Jahr 2008 ihre Entwicklungshilfe an China ein, weil das Land zum unmittelbaren Rivalen in der Solartechnologie geworden war.
Ökologische Grenzen und soziale Konflikte als Wachstumsbremsen
Dem rasanten Wachstum in China stellen sich ökologische wie auch demografische Hindernisse in den Weg. Die dramatische Umweltzerstörung führt zu wiederholten Ausfällen in der Trinkwasserversorgung von Millionenstädten. Die schwere Luftverschmutzung wesentlicher Großstädte bildet ein Hemmnis für den bislang ungebremsten Aufstieg des Landes. So manche Prognose ging aber fehl, denn auch die als zukunftsträchtig gehandelten Regionen bergen soziale Konflikte in sich. Verzeichnete etwa Ägypten noch im Jahr 2010 ein Wirtschaftswachstum um die vier Prozent, steht das Land im Jahr 2013 infolge der fortdauernden Gewalt vor dem Zusammenbruch.
Die Rückkehr zu einer multipolaren Weltordnung
Was sich aber abzeichnet, ist die Entstehung mehrerer wirtschaftlicher und politischer Zentren, also eine multipolare Welt anstelle eines dominierenden Hegemons. Die Geschichte kannte immer wieder solche Epochen einer multipolaren Ordnung, die rückblickend als relativ ruhig gesehen werden. Man erinnere sich an das relativ friedliche 19. Jahrhundert, geprägt von einem detailliert austarierten Konzert der europäischen Mächte. Niemals zuvor dominierten die Europäer mehr die Welt als im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Auch das damals noch von mehrheitlich europäischen Einwanderern dominierte Nordamerika begann allmählich Wirtschaft und Politik mitzugestalten.
Historische Vorläufer der heutigen Machtverschiebungen
Noch mischten sich die USA nicht allzu sehr in die Weltpolitik ein, es galt die eigene Föderation mit Eroberungen oder Ankäufen zu vergrößern und zu konsolidieren. Ein Staat, der dem Westen damals das Wasser reichen konnte und dies voller Selbstbewusstsein tat, war Japan. Diese historischen Beispiele verdeutlichen, wie sich Machtzentren über die Jahrhunderte stets neu justiert haben. Die heutigen demografischen und ökonomischen Realitäten schreiben dieses Kapitel der Verschiebungen lediglich mit neuen Vorzeichen fort.





























