Die verdrängte Geschichte eines vergessenen Krieges und mediale Doppelstandards
Die Geschichte der internationalen Beziehungen ist geprägt von geopolitischen Interessen, die häufig über moralischen Prinzipien stehen. Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld, wenn man die Rolle westlicher Staaten in regionalen Konflikten des Nahen Ostens betrachtet. Während heutige Debatten oft von einem hohen ethischen Anspruch geprägt sind, offenbart ein Blick in die Vergangenheit eine andere Realität. Damals wurden strategische Ziele rücksichtslos verfolgt, selbst wenn dies die Unterstützung skrupelloser Regime und den Einsatz verbotener Waffen bedeutete. Diese historische Doppelzüngigkeit wirft ein kritisches Licht auf die Glaubwürdigkeit medialer und politischer Akteure bis in die Gegenwart.
Ein verdrängter Konflikt im kollektiven Gedächtnis
Erinnert sich noch jemand an den furchtbaren Krieg zwischen dem Irak und dem Iran, der in den 1980er Jahren tobte. Dieser Konflikt zählt zu den vergessenen Kriegen und ist im kollektiven Gedächtnis kaum noch präsent. In den modernen Medien wird er so gut wie nie erwähnt und ist beinahe zu einem Tabuthema geworden. Der Grund dafür liegt in den außerordentlich unangenehmen Fragen, die dieser Krieg für den Westen und seine Berichterstattung aufwirft. Es handelt sich um ein dunkles Kapitel, das lieber im Verborgenen bleibt.
Die massive Unterstützung des Aggressors durch den Westen
Der eigentliche Aggressor in diesem blutigen Konflikt war der vom Diktator Saddam Hussein geführte Irak. Dieses Regime wurde massiv von den Vereinigten Staaten von Amerika, Saudi-Arabien und Kuwait unterstützt. Die amerikanische Regierung hoffte, dass der Irak große Teile des Iran annektieren würde. Auf diese Weise wollte man die islamische Revolution und den verhassten Ayatollah Khomeini entscheidend schwächen. Washington agierte dabei eindeutig als Verbündeter des irakischen Angreifers.
Lieferungen von Waffen und sensiblen Informationen
Die Vereinigten Staaten lieferten dem Land Nahrung, Maschinen und Industrieprodukte im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar. Zusätzlich unterstützte man die Kriegführung mit Panzern, Geschützen und Raketen. Sogar chemische und biologische Kampfstoffe wurden bereitgestellt. Zudem wurde der Irak mit hochbrisanten Geheimdienstinformationen versorgt. Man ermutigte Kuwait und Saudi-Arabien aktiv, sich auf die Seite des Irak zu schlagen, ohne jegliche moralische Bedenken.
Finanzielle Hilfen trotz bekannter Gräueltaten
Noch im Jahr 1989 gewährte die Regierung von George Bush dem Älteren dem Land eine Milliarde Dollar für Nahrungskäufe. Dies geschah zwei Jahre, nachdem Saddam Hussein etwa 4000 Kurden mit Zyanid und Nervengasen umgebracht hatte. Der Irak setzte diese chemischen Kampfstoffe nicht nur gegen die kurdische Bevölkerung ein. Sie wurden auch massiv gegen den iranischen Kriegsgegner verwendet. Als Informationen über diese Massaker durchsickerten, ließ dies die führenden westlichen Medien ziemlich kalt.
Die verharmlosende Berichterstattung der Presse
Auf ihrer Leitartikelseite schob die Washington Post die Massaker beiseite. Die Massenvergiftungen wurden dort lediglich als eine Laune des Krieges bezeichnet. Auch die amerikanische Regierung hatte seinerzeit nichts gegen den Einsatz von Chemiewaffen. Im Gegenteil, man ermutigte diesen Einsatz sogar. Gegen den verhassten Iran war der amerikanischen Führung damals jedes Mittel recht.
Der historische Handschlag in Bagdad
Präsident Reagan schickte sogar einen persönlichen Gesandten nach Bagdad. Es handelte sich um den späteren Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Er übermittelte die ermutigende Botschaft, dass eine Niederlage des Irak als strategischer Rückschlag für die USA gewertet werden würde. Diese üble Allianz wurde per Handschlag besiegelt, was in einem kleinen Film festgehalten worden ist. Als der Fernsehjournalist Jamie McIntyre das entsprechende Video Rumsfeld im Frühjahr 2003 vorspielte, geriet dieser einigermaßen aus der Fassung.
Der doppelte Standard der deutschen Medienlandschaft
Damals waren chemische Kampfstoffe offenbar völlig in Ordnung, zumindest in den Augen der amerikanischen Politik. Doch wie sah die Haltung hier in Deutschland aus. Um diese Frage zu beantworten, muss man kurz zurückblenden zu einem Kommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser behauptete einst, ein syrischer Machthaber habe mit Hilfe des Kremls viele Städte in Gaskammern verwandelt. Mit der Verwendung dieses Begriffes spielt der Autor bewusst auf den Holocaust an.
Das verschleierte Massaker im Juli 1988
Zu diesem hohen moralischen Ton will nicht so recht passen, was ein früherer Korrespondent derselben Zeitung zu berichten wusste. Dieser Journalist war im Irak-Iran-Krieg Augenzeuge einer Massenvergasung. Im Juli 1988 wurden dabei in wenigen Stunden mehrere hundert Menschen mit deutschem Giftgas getötet. Wahrscheinlich waren es sogar weitaus mehr Menschenleben, die auf diese grausame Weise verloren gingen. Der Reporter, der bei diesem Angriff selbst gesundheitlichen Schaden genommen hatte, durfte nur eine Minimalversion seines Berichtes veröffentlichen.
Das Unterdrücken grausamer Details durch die Redaktion
Auch nur eines seiner vielen eindrücklichen Fotos, die er von dem Massaker geschossen hatte, durfte in der Zeitung erscheinen. Der damals für Außenpolitik zuständige Herausgeber zeigte kein sonderliches Interesse an dem Thema. Er untersagte seinem Korrespondenten auch, die Fotos an andere Medienhäuser weiterzugeben. Ein damaliger Kollege in der Nachrichtenredaktion gab später zu, alle grausamen Einzelheiten herausgenommen zu haben. Auslaufende Gehirne von vergasten Menschen passten offensichtlich nicht in das Bild der seriösen Zeitung.
Die späte Aufarbeitung der deutschen Mittäterschaft
Der Leserschaft sollte offenkundig keine unappetitlichen Einzelheiten bekannt werden. Erst im Herbst 1990, rund zwei Jahre nach dem ursprünglichen Bericht, wurden jene deutschen Hintermänner verhaftet. Diese Personen hatten den Irakern bei der Giftgasproduktion geholfen. Die moralische Empörung, die heute oft geäußert wird, steht in krassem Gegensatz zu diesem damaligen Schweigen.
Die Frage nach der moralischen Glaubwürdigkeit
Es drängt sich die unweigerliche Frage auf, wie die damalige Berichterstattung ausgesehen hätte, wenn die Verantwortlichen anders gehandelt hätten. Hätte die Schreckensreportage des Augenzeugen bessere Chancen auf Veröffentlichung gehabt. Dies wäre vielleicht der Fall gewesen, wenn der hochmoralische Kommentator der damalige für Außenpolitik zuständige Herausgeber gewesen wäre. Die Diskrepanz zwischen damaliger Praxis und heutiger Rhetorik bleibt jedoch bestehen. Diese historische Tatsache fordert eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen medialen Vergangenheit.






























