Der gewalttätige Ursprungsmythos der römischen Zivilisation
Die Gründungsgeschichte Roms ist weit mehr als eine einfache Anekdote aus der Antike. Sie bildet das fundamentale Narrativ einer Zivilisation, die ihre Existenz auf Gewalt, List und die Integration von Außenseitern gründete. Dieser Ursprungsmythos spiegelt das Selbstverständnis einer Gesellschaft wider, die später den Mittelmeerraum dominieren sollte. Die Ereignisse um die ersten Siedler und den Raub der Nachbarfrauen zeigen, wie politische Notwendigkeiten und moralische Verbräuchung in der frühen Geschichte untrennbar miteinander verschmolzen.
Die Entstehung der Siedlung und die Suche nach Einwohnern
Nach dem Tod des Remus bestand die neu gegründete Siedlung lediglich aus einer Handvoll Gefährten des Romulus. Um das Überleben der Gemeinschaft zu sichern, benötigte der Gründer dringend mehr Einwohner. Er erklärte den Ort zu einer Freistatt und lockte entrechtete Menschen, entlaufene Sklaven, Kriminelle und Verbannte aus ganz Italien an den Tiber. Auf diese Weise wuchs die Zahl der männlichen Bewohner rasch an, doch es fehlte an Frauen für den Fortbestand der Gemeinschaft. Daher griff der Anführer zu einer listigen Planung, um die Nachbarvölker in eine tödliche Falle zu locken.
Die listige Planung eines religiösen Festes
Er lud die Familien der benachbarten Sabiner und Latiner zu einem großen religiösen Fest mit prächtigen Unterhaltungen ein. Als die Feierlichkeiten auf ihrem Höhepunkt waren, gab er seinen Männern ein vorher vereinbartes Zeichen. Die römischen Krieger stürzten sich auf die jungen Frauen unter den Gästen, um sie gewaltsam zu entführen und zur Ehe zu zwingen. Dieser gewalttätige Akt legte den Grundstein für die ersten Eheschließungen in der noch jungen Stadt.
Die künstlerische Verarbeitung eines gewalttätigen Mythos
Über die Jahrhunderte hinweg wurde dieses einschneidende Ereignis in den verschiedensten künstlerischen Medien verarbeitet. Französische Maler der Frühen Neuzeit zeigten den unbewegten Romulus, der von einem Podium aus die Gewaltszenen vor monumentaler Architektur beobachtete. Die Römer der späteren Antike erkannten in solchen Darstellungen ihre eigene Stadt wieder, die sie sich mal als einfache Lehmhüttensiedlung, mal als prunkvolle Metropole vorstellten. Spätere Künstler nutzten den Stoff für satirische Nachahmungen in Musikfilmen, bei denen Frauen auf amerikanischen Richtfesten entführt wurden. Andere Schöpfer reagierten auf politische Krisen der modernen Epoche, indem sie die rohe Gewalt des Raubes in düsteren Bildserien verewigten.
Die endlosen Debatten der antiken Schriftsteller
Antike Schriftsteller debattierten endlos über die genauen Details dieses historischen Einschnitts. Sie rätselten über die Anzahl der entführten jungen Frauen, wobei die Schätzungen von 30 bis zu der irreführend präzisen Zahl 683 reichten. Ein nordafrikanischer Prinz, der in seiner Jugend jahrelang römische Geschichte studierte, vertrat diese extrem hohe Zahl. Weit mehr als die bloße Anzahl beschäftigte die Gelehrten jedoch das offenkundig Verbrecherische und Gewalttätige dieses Vorfalls.
Die Suche nach dem Ursprung ehelicher Rituale
Da es sich um die ersten römischen Eheschließungen handelte, suchten die Gelehrten dort nach Erklärungen für rätselhafte Rituale bei traditionellen Hochzeitsfeiern. Ein bestimmter Jubelruf wurde angeblich vom Namen eines jungen Römers abgeleitet, der an diesem Ereignis beteiligt war. Dies warf die fundamentale Frage auf, ob die Institution der Ehe ihren Ursprung in einer Vergewaltigung hatte. Spätere Verteidiger der frühen Römer betonten, dass die Männer lediglich unverheiratete Frauen entführt und damit die Grundlage zur Ehe geschaffen hätten.
Die Rechtfertigung als notwendige Notlösung
Die Geschichtsschreiber argumentierten, dass die Römer die Frauen nicht einzeln ausgesucht, sondern wahllos geraubt hätten. Sie stellten das Vorgehen als Reaktion auf das unvernünftige Verhalten der Nachbarn dar, die ein friedliches Abkommen über Heiraten abgelehnt hatten. Ausdrücklich verwiesen sie auf das Recht der Eheschließungen über Volksgrenzen hinweg, das später regelmäßiger Bestandteil römischer Bündnisse wurde. Zur Gewalt hätten die Römer erst gegriffen, nachdem man ihnen diese Bitte gegen jede Vernunft verwehrt habe, was den Akt als gerechtfertigten Krieg erscheinen ließ.
Der Vorwurf der angeborenen Kriegslust
Andere Denker entdeckten bereits in den Anfängen der Stadt die verräterischen Anzeichen für die spätere römische Kriegslust. Nach ihrer Ansicht hatten die Nachbarn den Konflikt keineswegs provoziert, und die Tatsache, dass die Römer lediglich 30 Frauen entführten, demonstriere ein primäres Interesse am Krieg. Erbitterte Gegner der Stadt beklagten in fiktiven Briefen das räuberische Verhalten, das die Römer durchgängig an den Tag gelegt hätten. Sie behaupteten, dass die Römer von allem Anfang an nur Geraubtes besäßen, einschließlich ihres Hauses, ihrer Frauen und ihres Reiches.
Die Schuldzuweisung an den Kriegsgott
Ein subversiver Dichter jener Zeit präsentierte den Vorfall als primitive Form des Liebeswerbens, das erotisch begründet und nicht aus der Not geboren war. In seiner Darstellung suchten sich die Römer zunächst die Mädchen aus, die ihnen gefielen, und legten gierig Hand an die Jungfrauen. Sie raunten ihren erbeuteten Bräuten Liebesgeflüster ins Ohr, wobei die offensichtliche Angst der Frauen ihre Reize nur erhöhte. Der Dichter schloss boshaft, dass Feste und Spiele schon immer ein guter Ort gewesen seien, um ein Mädchen zu finden, und pries den Gründer für diese Belohnung seiner Soldaten.
Der vergeltende Krieg der betroffenen Völker
Die Eltern der Mädchen sahen diese Ereignisse weder als Spaß noch als Liebeswerben und führten umgehend Krieg um die Rückkehr ihrer Töchter. Die Römer konnten zwar die Latiner mühelos schlagen, nicht aber die Sabiner, weshalb sich der Konflikt in die Länge zog. Schließlich geriet der Gründer mit seinen Männern in der neuen Stadt in so große Bedrängnis, dass er den Beistand des höchsten Gottes erbitten musste. Dieser göttliche Beistand verhinderte, dass die Römer einfach um ihr Leben rannten, wie spätere Redner erinnerten, ohne den wahren Grund des Krieges zu erwähnen.
Die mutige Intervention der entführten Frauen
Letztlich wurden die Feindseligkeiten nur dank der Frauen beendet, die sich mittlerweile mit ihrem Schicksal als römische Ehefrauen abgefunden hatten. Mutig traten sie auf das Schlachtfeld und flehten ihre Männer auf der einen und ihre Väter auf der anderen Seite an, die Kämpfe einzustellen. Sie erklärten, dass es besser sei zu sterben, als ohne ihre Männer als Witwen oder als Waisen zu leben. Ihr beherztes Eingreifen wirkte, und es kam nicht nur zum Frieden, sondern auch zur Vereinigung der Völker.
Die vereinigte Herrschaft und das gewaltsame Ende
Die Stadt entwickelte sich zu einer römisch-sabinischen Siedlung mit einem vereinten Volk unter der gemeinsamen Herrschaft des Gründers und des Sabinerkönigs. Diese friedliche Phase währte einige Jahre, bis der Sabinerkönig in einem Nachbarort bei einem Aufstand ermordet wurde, den er teils selbst ausgelöst hatte. Ein solcher gewaltsamer Tod sollte in der Folgezeit zu einem Markenzeichen der römischen Machtpolitik werden. Der Gründer war seither wieder Alleinherrscher und regierte als erster König der Stadt über 30 Jahre lang.






























