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25. August 2026

Die Wurzeln des transatlantischen Sklavenhandels: Warum Afrikaner verschleppt wurden und welche Erklärungen der Geschichtsschreibung einer kritischen Prüfung standhalten

Allgemein

Die Frage, warum der transatlantische Sklavenhandel entstand und warum er sich ausschließlich gegen die Völker Afrikas richtete, gehört zu den am heftigsten umstrittenen Themen der Geschichtswissenschaft. Seit Jahrhunderten ringen Gelehrte um eine schlüssige Erklärung dafür, ob wirtschaftliche Zwänge, klimatische Bedingungen, religiöse Abgrenzungen oder äußerliche Merkmale den Ausschlag gaben. Die Antworten, die im Laufe der Zeit gegeben wurden, sind so vielfältig wie widersprüchlich, und viele von ihnen erweisen sich bei genauerer Betrachtung als nachträgliche Rechtfertigungen eines Unrechts, das keiner Rechtfertigung bedarf. Der folgende Text zeichnet die verschiedenen Erklärungsversuche nach, prüft sie auf ihren historischen Gehalt und zeigt auf, dass die wahren Triebfedern des Sklavenhandels anderswo zu suchen sind als in den gängigen Darstellungen. Dabei wird deutlich, dass der Rassismus nicht die Ursache der Versklavung war, sondern ihre nachträgliche Rechtfertigung, und dass die eigentlichen Gründe in einer Verkettung historischer Umstände liegen, die mit der Natur des Menschen nichts zu tun haben.

Die Plantage als wiederkehrendes Muster der Geschichte

Ein bedeutender Soziologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts vertrat in seinen wirtschaftsgeschichtlichen Betrachtungen die Auffassung, dass die antike Plantage des karthagisch-römischen Raumes und die Plantage in den Südstaaten der nordamerikanischen Union auf derselben wirtschaftlichen und sozialen Logik beruhten. Funktion, Organisation, Entwicklung und Auflösung seien in beiden Fällen vergleichbar, und er bezeichnete diese Übereinstimmung als die klassische Ausprägung der Plantagenwirtschaft. Im Hinblick auf das offensichtliche Kriterium der äußeren Herkunft beim transatlantischen Sklavenhandel erklärte er die Angelegenheit in wenigen Sätzen. Zunächst habe man versucht, die einheimische Bevölkerung Amerikas für die Massenproduktion zu verwenden, doch habe sich diese bald als unbrauchbar erwiesen. Daraufhin sei man zum Import afrikanischer Arbeitskräfte übergegangen.

Kein rassisches Kriterium, sondern ein pragmatischer Wechsel

Hier geht es offensichtlich nicht um ein Kriterium der äußeren Herkunft, da man ja nicht ausschließlich oder systematisch auf Afrikaner zurückzugreifen versuchte, sondern zunächst bestrebt war, die einheimischen Völker der Neuen Welt zu versklaven. Die Unterscheidung zwischen Christen und Barbaren war der eigentliche Maßstab, und aus der Sicht der Sklavenhalter war es folgerichtig, zunächst die Indigenen zu nutzen. Doch scheiterte dieses Vorhaben, sodass man auf den Import afrikanischer Arbeitskräfte zurückgreifen musste. Der Rückgriff auf die Arbeitskraft versklavter Afrikaner wäre demnach ein pragmatischer und kein rassistischer Akt gewesen. Doch wird dadurch das Problem nicht gelöst, sondern vielmehr verschoben, denn es bleibt die Frage, wie man der besonderen Differenz zwischen den einheimischen Völkern Amerikas und den Völkern Afrikas Rechnung tragen soll.

Die Frage der Widerspenstigkeit und ihre Beharrlichkeit

Kaum hatte man die Frage nach der äußeren Herkunft zur Tür hinausgeworfen, schien sie durch das Fenster zurückzukehren. Die unausgesprochene Frage lautet, ob die einheimischen Völker Amerikas für die Sklaverei unbrauchbar oder widerspenstig waren, während dies bei den Völkern Afrikas nicht oder weniger der Fall gewesen sein soll. In dieser Sache erweisen sich hohle Scheinbeweise, Vorurteile und Stereotype als überaus beharrlich und kehren in immer neuen Gewändern wieder. Ein Denker des neunzehnten Jahrhunderts hatte bereits die Behauptung aufgestellt, dass in den tropischen Kolonien das Klima dem Europäer die Ackerbauarbeit verbiete. Doch ist es wirklich so, dass in den Tropen das Klima dem einen die Arbeit verbietet, nicht aber dem anderen?

Die Erfahrung der heißen Länder

Das Wenige an Erfahrung, das ein Mensch aus einem Land mit gemäßigtem Klima bezüglich der heißen Regionen besitzt, besagt etwas ganz anderes. Der Einheimische wundert sich dort über den Fremden, der bei brütender Hitze herumrennt, statt weise eine Tageszeit abzuwarten, die der Anstrengung zuträglicher ist. Die Anpassung an ein Klima ist keine Frage der Herkunft, sondern der Gewohnheit und der klugen Einteilung der Kräfte. Wer die Hitze kennt, richtet sein Leben nach ihr ein, und wer sie nicht kennt, leidet unter ihr. Die Vorstellung, dass ein bestimmtes Klima nur für bestimmte Menschen erträglich sei, entbehrt jeder sachlichen Grundlage.

Die zählebige Klimatheorie und ihre Widerlegung

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sklavenhandel wird eine Klimatheorie beschrieben, die von sämtlichen Befürwortern des Menschenhandels vertreten wurde und eine überaus zählebige Theorie darstellt. Das Klima der westindischen Inseln, der beiden Amerikas und weiterer Regionen sei für die Europäer unerträglich gewesen und habe sie daran gehindert, auf den Plantagen zu arbeiten. Die Plantagen wären unweigerlich eingegangen ohne den Import afrikanischer Arbeitskräfte, die das tropische Klima gewohnt gewesen seien und sich als hochwertige landwirtschaftliche Arbeiter erwiesen hätten. Diese Theorie hat bis in die Gegenwart überdauert, doch hat die Geschichte der europäischen Kolonien in Amerika damit aufgeräumt. Nachdem die einheimische Bevölkerung vernichtet worden war, begannen die europäischen Kolonisten damit, auf ihren Plantagen weiße Unfreie einzusetzen.

Weiße Unfreie vor afrikanischen Unfreien

Zu jener Zeit wurden politische Gefangene und gemeine Verbrecher auf die westindischen Inseln verbannt, und ebenfalls weit verbreitet war das System der Vertragsarbeiter. In Europa, insbesondere in London und in Bristol, wurden Menschen entführt, um sie als Unfreie in die Neue Welt zu verkaufen. Als in den vierziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts in Westindien der Zuckerrohranbau in großem Maßstab eingeführt wurde, genügte die Zahl der weißen Unfreien nicht mehr, um die Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen. Ab dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts nahm der Import afrikanischer Arbeitskräfte in die Neue Welt rasant zu. Die Ersetzung weißer Unfreier durch Afrikaner hatte somit nichts mit dem heißen Klima zu tun, sondern war schlicht der Tatsache geschuldet, dass Europa den Kolonien keine billigen Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zu liefern vermochte.

Die klägliche Figur des Klimaarguments

Die mit dem Klima argumentierende Erklärung macht also eine überaus klägliche Figur und hält einer historischen Überprüfung nicht stand. Die Kolonisten hätten zunächst weiße Unfreie verwendet, und als diese Quelle versiegte, hätten sie sich aus Afrika versorgt. Diesen Grund hatte bereits ein französischer Philosoph des achtzehnten Jahrhunderts angeführt, dessen Analyse der Versklavung der Afrikaner man sich immer wieder in Erinnerung rufen sollte. Seine Argumentation verläuft in drei Phasen, die das Wesentliche des historischen Vorgangs erfassen. Die erste Phase beschreibt die Vernichtung der Völker Amerikas, die die Kolonisten dazu zwang, Ersatzarbeitskräfte zu finden.

Die drei Phasen der Rechtfertigung

Die zweite Phase der Argumentation besagt, dass die afrikanischen Arbeitskräfte versklavt werden mussten, da die kaufmännische Logik es verlangte: Der Zucker wäre zu teuer geworden, wenn man die Pflanze nicht durch Unfreie hätte bearbeiten lassen. Die dritte Phase ist die nachträgliche moralische Rechtfertigung des ökonomischen Grundes durch einen beliebigen Vorwand, und sei er noch so abwegig. Der Philosoph spottete darüber, wie man sich eine Seele in einem ganz dunklen Körper vorstellen könne, und entlarvte damit die Nichtigkeit der rassistischen Begründung. Mit wenigen Strichen scheint das Wesentliche erfasst zu sein: massenhafter Tod der einheimischen Bevölkerung, Einführung der Sklavenplantagen und Aufstieg des transatlantischen Menschenhandels. Der Rassismus folgte, um eine zufällige historische Verkettung als naturgegeben darzustellen.

Die Frage bleibt: Warum gerade Afrika?

Eine Frage bleibt jedoch bestehen: Wenn das Kriterium der äußeren Herkunft erst nachträglich hinzukam, warum holte man dann ausgerechnet Afrikaner, nachdem Amerika entvölkert war? Ein Sozialwissenschaftler der späten siebziger Jahre griff die Analyse des Philosophen auf und baute sie weiter aus. Er beschrieb, wie der Anbau von Zuckerrohr auf den Inseln des Mittelmeers begann, später auf die atlantischen Inseln gelangte und dann den Atlantik nach Brasilien und Westindien überquerte. Die Sklaverei folgte dem Zuckerrohr, und mit ihrer Wanderung änderte sich die ethnische Zusammensetzung der Unfreien. Die Frage, warum Afrikaner die neuen Unfreien waren, lässt sich durch die jeweiligen Bedingungen der Plantagenregionen beantworten.

Die drei Voraussetzungen der Arbeitskräftequelle

In den jeweiligen Plantagenregionen war der Vorrat an einheimischen Arbeitern erschöpft, und Europa brauchte eine Quelle für Arbeitskräfte, die in einer dicht bevölkerten Region lag, leicht zu erreichen und dem Verwendungsort relativ nahe war. Aber die Region musste auch außerhalb der eigenen Wirtschaft liegen, damit Europa sich von den wirtschaftlichen Folgen nicht betroffen fühlen musste, die der massenhafte Abtransport von Arbeitskräften für die Herkunftsregion hatte. Westafrika erfüllte diese Voraussetzungen am besten und wurde zur bevorzugten Quelle der Verschleppung. Die Wahl Afrikas war somit keine Frage der Eignung oder Überlegenheit, sondern eine Frage der geografischen und wirtschaftlichen Verfügbarkeit. Die Menschen wurden nicht wegen ihrer Eigenschaften verschleppt, sondern weil sie greifbar waren.

Drei mögliche Quellen der Arbeitskräfte

Für die Plantagenbesitzer der Neuen Welt gab es drei mögliche Quellen, um sich mit unfreien Arbeitern zu versorgen: die einheimische Bevölkerung, die Europäer und die Afrikaner. Nachdem das Reservoir an einheimischen Arbeitskräften ausgeschöpft war, war es unmöglich, Westeuropa einen wesentlichen Teil seiner Arbeitskräfte zu entziehen, ohne es zu schwächen. In Osteuropa wäre ein solches Unterfangen auf den Widerstand der Feudalherren gestoßen, die ihre Bauern nicht verkaufen, sondern sie lieber vor Ort ausbeuten wollten. Blieb also Afrika, das schon als Quelle diente, um die muslimischen Reiche über die Handelsroute durch die Sahara mit Unfreien zu versorgen. Dessen Westküste hatten die Portugiesen das gesamte fünfzehnte Jahrhundert hindurch erkundet und dabei vor allem nach Gold und nach Menschen gesucht.

Der Widerspruch des lokalen Arbeitskräftemangels

Das Problem besteht jedoch darin, dass das Reservoir an einheimischen Arbeitskräften nur in den jeweiligen Plantagenregionen ausgeschöpft war und nicht in der gesamten Neuen Welt. Es stellt sich daher die Frage, warum man in Afrika nach Quellen zur Versorgung mit Arbeitskräften suchte, wenn doch vor Ort oder zumindest nicht weit entfernt noch Arbeitskräfte verfügbar gewesen wären. Viele Geschichtsschreiber behaupten, dass ein Mangel an Arbeitskräften geherrscht habe und sich die westliche Sklaverei in Folge dieses Mangels entwickelt habe. Wenn sich auch vom siebzehnten Jahrhundert an eine Intensivierung des transatlantischen Menschenhandels feststellen lässt, so wurden die Grundlagen dafür bereits vorher gelegt. Zwischen den Jahren 1519 und 1600 wurden 266000 afrikanische Unfreie in die Neue Welt verschleppt, und zwischen 1601 und 1650 waren es mehr als doppelt so viele, nämlich 503000.

Die Ausweitung des Zuckerrohranbaus als eigentlicher Antrieb

Die Intensivierung des transatlantischen Menschenhandels im siebzehnten Jahrhundert ist nicht der Tatsache geschuldet, dass das Reservoir an einheimischen Arbeitskräften erschöpft gewesen wäre, dessen Demografie sich am Ende des sechzehnten Jahrhunderts stabilisiert hatte. Der eigentliche Grund war die Ausweitung des Zuckerrohranbaus, der eine enorme Nachfrage nach Arbeitskräften erzeugte. Als in den vierziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts in Westindien der Zuckerrohranbau in großem Maßstab eingeführt wurde, genügte die Zahl der vorhandenen Arbeitskräfte nicht mehr. Ab dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts nahm der Import afrikanischer Unfreier in die Neue Welt rasant zu. Die Frage, warum man sich nicht aus der einheimischen Bevölkerung versorgte, bleibt dennoch bestehen und verlangt nach einer Antwort.

Die Behauptung der Überlegenheit afrikanischer Arbeitskräfte

Die Geschichtsschreibung hat diese Frage häufig damit beantwortet, dass die afrikanischen Arbeitskräfte weniger widerspenstig und daher den einheimischen Arbeitskräften überlegen gewesen seien. Auf den Kanarischen Inseln, die im fünfzehnten Jahrhundert von den Spaniern erobert wurden, bauten die neuen Herren Zuckerrohr an, was einen Bedarf an Arbeitskräften erzeugte. Die einheimische Bevölkerung der Inseln war zuvor versklavt und massakriert worden, und von ihrer Geschichte waren nur lückenhafte Schilderungen übrig geblieben. Die Afrikaner, die sich angeblich als fügsamer erwiesen als die einheimische Bevölkerung, wurden von Portugal rasch auf die Inseln verschifft. Dieses Muster wiederholte sich in Brasilien und auf den spanischen Antillen.

Das Argument der Fügsamkeit in Brasilien

Die Entdeckung Brasiliens im Jahr 1500 zog in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts die Einführung des Zuckerrohranbaus nach sich, der seinerseits zu einer steigenden Nachfrage nach afrikanischen Arbeitskräften führen sollte, nachdem man festgestellt hatte, dass diese den Einheimischen angeblich überlegen waren. Auch die spanischen Antillen importierten Unfreie für ihre Zuckerrohrplantagen, während die portugiesischen Inseln im Atlantik und das Mutterland Portugal selbst ständig nach Arbeitskräften verlangten. Auf diese Weise fiel der Moment, da sich Zentralafrika dem westlichen Einfluss öffnete, mit der starken Nachfrage nach Arbeitskräften zusammen. Die Plantagenbesitzer hätten den Handel mit versklavten Afrikanern also deshalb entwickelt, weil diese weniger widerspenstig gewesen seien. Fügsamkeit, physische Widerstandskraft und Arbeitsfähigkeit seien die Gründe für die Verschleppung gewesen.

Der Schutz der Indianer durch den Klerus

In die Darlegungen der Geschichtsschreiber hat sich jedoch auch eine Erklärung anderer Art eingeschlichen, nämlich die Behauptung, dass die einheimische Bevölkerung von den Jesuiten beschützt worden sei und für die Arbeit weniger geeignet gewesen sei als die Afrikaner. Ab der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts löste die industrielle Entwicklung des Zuckerrohranbaus einen großen Hunger nach Unfreien aus, nicht nur in Brasilien, sondern in ganz Amerika. Alle europäischen Großmächte stellten sich darauf ein, sich dem Menschenhandel zu widmen. Ein Geschichtsschreiber bemerkte, dass man einem bestimmten Bischof, der die einheimische Bevölkerung verteidigte, vorwerfen könne, durch seine Verteidigung den Untergang der Afrikaner verursacht zu haben. Man sollte ihn jedoch eher dafür loben, mehr Mensch als Priester gewesen zu sein und die einheimische Bevölkerung verteidigt zu haben, statt sie nur zu bekehren.

Die Verbindung zwischen Schutz und Sklavenhandel

Erkennt man damit nicht an, dass die Kirche sich nach der Intervention dieses Bischofs darum bemühte, die einheimische Bevölkerung vor der Gier der Sklavenhalter zu schützen? Kaum haben die einen Geschichtsschreiber zwischen dem Schutz der Indianer durch den Klerus und dem Aufstieg des transatlantischen Menschenhandels eine Verbindung hergestellt, wird sie schon wieder verworfen. Die Ankläger dieses Bischofs sind im Allgemeinen Menschen, mit denen man lieber nichts zu tun haben möchte. Doch reicht dieses moralische Argument allein schon aus, um die Existenz einer solchen Verbindung auf historischer Ebene zu widerlegen? Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Schutz der einheimischen Bevölkerung und dem Aufstieg des Menschenhandels verdient eine genauere Untersuchung.

Die afrikanischen Unfreien als fähig und geschickt

Ein weiterer Erklärungsansatz besagt, dass die Spanier, als sie sich der neuen Gebiete bemächtigten, fast die gesamte einheimische Bevölkerung massakrierten und sich dann afrikanische Unfreie in die Neue Welt importierten, die sich in Europa als fähig und geschickt erwiesen hatten. Wenn die Spanier Afrikaner nach Amerika exportierten, so taten sie das nicht, um zu retten, was von der einheimischen Bevölkerung übriggeblieben war. Sie wollten vor allem ihre Kolonien retten, wo es in den Bergwerken und auf den Plantagen an Arbeitskräften mangelte. Die afrikanischen Unfreien hätten sich also in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Europa als fähig und geschickt erwiesen. Diese Erklärung bestätigt die Behauptung der Fügsamkeit und Arbeitsfähigkeit, während die alternative Erklärung des Schutzes durch den Klerus zurückgewiesen wird.

Das Bündel der Erklärungen

Zwischen den Jahren 1441 und der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde der sich entwickelnde Menschenhandel mit Schwarzafrikanern zur einzigen Verbindung Schwarzafrikas mit Europa und Amerika. Die Einrichtung europäischer Plantagen in der Neuen Welt zur Produktion von Zucker, Baumwolle und Tabak sowie die Ausbeutung der Edelmetallminen benötigten eine Unmenge an billigen Arbeitskräften. Man wandte sich den Afrikanern zu, die als gute Ackerbauern galten, und zudem gab es angeblich keine Anpassungsprobleme an das tropische Klima. Fügsamkeit, physische Widerstandskraft, Arbeitsfähigkeit auf den Plantagen und billiger Tauschwert bilden ein ganzes Bündel an Erklärungen. Dieses Bündel soll historisch begründen, warum zwischen den Jahren 1503 und 1867 zehn Millionen Afrikaner in die Neue Welt verschleppt wurden.

Die Vernichtung der einheimischen Bevölkerung als Ursache

Andere Stimmen in der Geschichtswissenschaft führen jedoch einen ganz anders gearteten Grund an: Die Einführung afrikanischer Arbeitskräfte in Amerika und auf den Westindischen Inseln sei die unmittelbare Folge der Auslöschung der einheimischen Bevölkerung gewesen. In diesem Fall geht es nicht mehr um die angebliche Überlegenheit der afrikanischen Arbeitskräfte, sondern um die Vernichtung der einheimischen. All dies ergibt zwei Erklärungen für die Verschleppung afrikanischer Unfreier, die eventuell komplementär sind: einerseits das demografische Versiegen der Quelle einheimischer Arbeitskräfte, andererseits deren angebliche mangelnde Eignung. Ein Althistoriker resümierte diesen Sachverhalt mit der Feststellung, dass es in den Kolonien keine ansässigen Arbeitskräfte gegeben habe, außer den einheimischen Indianern, die sich als nicht sehr brauchbar erwiesen hätten. Diese Behauptung verdient eine kritische Prüfung.

Die ökonomische Rechnung: ein Afrikaner gleich vier Indianer

Vom Jahr 1510 an, als ein Bericht erklärte, dass die Arbeit eines Afrikaners in ihrem Wert der von vier Indianern entspreche, erlaubte die spanische Krone den Import und den Verkauf afrikanischer Unfreier, um den wachsenden Bedarf zu decken. In einer Denkschrift aus dem Jahr 1516 empfahl auch ein Dominikaner, der wegen seiner Verurteilung der Grausamkeit der Eroberer gegenüber den Einheimischen den Beinamen Apostel der Indianer erhielt, den Import afrikanischer Unfreier. Wenn ein afrikanischer Unfreier billig erworben wird und seine Arbeitskraft darüber hinaus der von vier Indianern entspricht, liegt der Grund für den Handel auf der Hand: Er ist ökonomischer Art. Doch stimmt es überhaupt, dass die Arbeit eines Afrikaners der von vier Indianern entspricht? Oder wird dieses Argument von den Kolonisten vorgebracht, um die Krone von der Erlaubnis zur Verschleppung zu überzeugen?

Die Ambivalenz des Zeugnisses der Sklavenhalter

Das Interesse der Befürworter des transatlantischen Menschenhandels konnte entweder ökonomischer Art sein oder politischer Natur, wenn es ihnen um den Schutz der einheimischen Bevölkerung ging. Man muss sich fragen, ob Afrikaner in die Neue Welt verschleppt wurden, weil die einheimischen Arbeitskräfte qualitative Mängel aufwiesen, oder eher deshalb, weil aufgrund des laufenden Völkermords quantitativ zu wenige zur Verfügung standen. Ein französischer Geschichtsschreiber führt nacheinander das Versiegen der Quelle an einheimischen Arbeitskräften und die größere Widerstandskraft der afrikanischen Unfreien an. Im Jahr 1500 waren in Lissabon zehn Prozent der Einwohner Unfreie, und als das indianische Reservoir erschöpft war, weitete sich der Handel aus. Man beachte die Ambivalenz des Zeugnisses, wenn der Sklavenhalter die Arbeit des Afrikaners mit der Arbeit des Indianers vergleicht.

Die Verharmlosung des Völkermords durch den Vergleich

Die angeblich schwächere Widerstandskraft des Indianers kann dazu dienen, die Tatsache des Völkermords zu verharmlosen, während die angeblich stärkere Widerstandskraft des Afrikaners dazu dienen kann, ihn wie ein Zugtier zu behandeln. Bleibt also das Faktum des Völkermords, das demografische Versiegen des Reservoirs an einheimischen Arbeitskräften, der eigentliche Grund, den der Philosoph angeführt hatte? Nun widersprechen aber die demografischen Schätzungen in Bezug auf das einheimische Reservoir der Vorstellung, wonach die Entvölkerung der Neuen Welt eine hinreichende Erklärung für den transatlantischen Menschenhandel sei. Nach dem Massensterben, das hauptsächlich dem mikrobiellen Schock geschuldet war, wurde die einheimische Bevölkerung um das Jahr 1550 auf etwa fünfzehn Millionen Seelen geschätzt. Davon lebten zehn Millionen auf tatsächlich von den Eroberern kontrolliertem Gebiet.

Das lokale Erschöpfen und die globale Verfügbarkeit

Das Reservoir einheimischer Arbeitskräfte war in den jeweiligen Plantagenregionen erschöpft und nicht in der gesamten Neuen Welt. Warum also sollte man die Grundlagen des transatlantischen Menschenhandels auf das Jahr 1519 datieren, während doch zahlreiche einheimische Arbeitskräfte vor Ort zur Verfügung standen? Muss man letztlich doch die Erklärung jener Geschichtsschreiber akzeptieren, die versichern, dass die afrikanischen Arbeitskräfte weniger widerspenstig, dafür aber fügsamer, arbeitsfähiger und noch dazu billiger gewesen seien? Eine ganze Reihe von Tatsachen steht dieser Erklärung jedoch entgegen. Denn die Afrikaner erwiesen sich als genauso widerspenstig wie die Einheimischen.

Die Verweigerung der Sklaverei als Konstante

Die Verweigerung der Sklaverei war eine Konstante der Kolonialgesellschaften. Das erste Schiff, das afrikanische Unfreie nach Hispaniola brachte, kam im Jahr 1503 an, und der erste bekannte Sklavenaufstand datiert von 1506. Doch schon vor dieser ersten in den Annalen verzeichneten Revolte hatten sich die Afrikaner den Ruf erworben, widerspenstig zu sein. Bereits im Jahr 1503 bat der Gouverneur von Santo Domingo die Katholischen Könige, den Transport afrikanischer Unfreier auf die Insel nicht zu erlauben, da sie flohen, sich mit den Indianern verbündeten und nie wieder eingefangen werden konnten. Dokumente aus dem folgenden Jahrhundert bezeugen ähnliche Beobachtungen und zeigen, dass die Afrikaner keineswegs fügsam waren.

Die Revolten und ihre Folgen

Im Jahr 1608 unterbreitete der Gouverneur von Pernambuco dem König den Vorschlag, die Indianer könnten auf vorteilhafte Weise die Afrikaner ersetzen, die teuer seien und sich gegen ihre Herren erhöben. Die Afrikaner waren also nicht nur widerspenstig, sondern, weit davon entfernt, billig zu sein, auch noch teuer. Ihr Widerstand gegen die Sklaverei zeigte sich auch in den Plantagen Nordamerikas, wo die Verwendung versklavter Afrikaner eine unerlässliche Stütze der Kolonialwirtschaft war, die jedoch ideologische Konflikte und physische Gewalt auslöste. Der Import afrikanischer Arbeitskräfte in Virginia erfuhr erst um das Jahr 1660 einen wirklichen Aufschwung. Aus Sicherheitsgründen wurde ihre Knechtschaft auf Lebenszeit erst 1661 gesetzlich verankert.

Aufstände und Repression in Nordamerika

Während die Gesetze in Neuengland und in den nördlichen Kolonien weniger streng waren, waren sie in den südlichen Kolonien besonders hart, wo die Furcht vor Aufständen am größten war. Schwarze Verschwörer versuchten, ihrer Lage zu entfliehen, begingen Diebstähle, legten Brände und töteten ihre Herren. Die rasche Unterdrückung brachte grausame Strafen und Hinrichtungen mit sich. Der erste urkundlich erwähnte Aufstand fand im Jahr 1663 in Virginia statt. Noch vor Anfang des achtzehnten Jahrhunderts gab es zahlreiche Gerüchte über Aufstände und gescheiterte Versuche, die den Beginn immer wiederkehrender bedeutender Erhebungen markierten.

Flucht und Aufstand als Grunderfahrung

Flucht und Aufstand sind in der Tat grundlegende Erfahrungen der afrikanischen Unfreien, von den Inseln im Golf von Guinea bis in die Neue Welt, von Nordamerika bis Venezuela, während der gesamten Epoche des transatlantischen Menschenhandels vom fünfzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert. Mit den entlaufenen Unfreien, die an den Verkehrswegen Mittelamerikas das Sagen hatten, geriet ein ganzes System ins Wanken. Mit Unterstützung dieser aufständischen Menschen rissen europäische Abenteurer Löcher in das Netz des spanischen Monopols. Auf dem Festland, in Venezuela und Kolumbien, errichteten sie befestigte Siedlungen und bildeten bedrohliche Ansammlungen. In den Befreiungsbewegungen dieser Länder am Ende des achtzehnten und in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts spielten diese Gemeinschaften eine bedeutende Rolle.

Die Republik Haiti als klarste Widerlegung

Dass die afrikanischen Unfreien zu Flucht, Aufstand und Unabhängigkeit imstande sind, wird durch nichts besser bezeugt als durch die Ausrufung der Republik Haiti am ersten Januar 1804. Es war die zweite Unabhängigkeitserklärung in Amerika, nach derjenigen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776. Dieses Mal waren es ehemalige Unfreie, die an die Macht gelangten, und die Unabhängigkeit fand in den Sklavenkolonien ein gewaltiges Echo. Lange war Haiti das einzige Gebiet, aus dem die Sklaverei verschwand. Welche gemeinsamen Werte kann es geben zwischen einer Unabhängigkeit, die teilweise von Sklavenhaltern durchgesetzt wurde, und einer Revolution, bei der gerade die Abschaffung der Sklaverei der einigende Faktor war?

Die haitianische Revolution als Widerlegung der Fügsamkeit

Als Frucht der außergewöhnlichen Begegnung zwischen einem religiösen Kult und einer revolutionären Erklärung ist der haitianische Aufstand die klarste Widerlegung der Behauptung einer angeblichen Fügsamkeit versklavter Afrikaner. Im Übrigen ist ihre mangelnde Fügsamkeit offensichtlich ein atavistischer Charakterzug, da sie bereits im Fall der von den arabischen Muslimen versklavten Afrikaner zutage getreten war. Der Beginn des Handels mit versklavten Schwarzafrikanern geht auf einen Vertrag aus dem Jahr 652 zurück, in dem ein Tribut von 360 Unfreien pro Jahr auferlegt wurde. Der erste Aufstand schwarzer Unfreier auf Plantagen in Arabien wurde Ende des siebenten Jahrhunderts verzeichnet. Dass im Jahr 1519 die ersten Konvois auftauchten, die bereits Sklavenschiffe waren, geschah also, obwohl die afrikanischen Unfreien für gewöhnlich unfügsam waren.

Das Preisargument und seine Wandelbarkeit

Bestand der eigentliche Grund also darin, dass die Afrikaner billig waren? Ein Geschichtsschreiber spricht von einer munter sprudelnden und billigen Versorgung, ein anderer von Unfreien, die spottbillig erworben wurden, ein dritter aber zitiert ein Zeugnis aus dem Jahr 1608, das erklärt, dass die Indianer auf vorteilhafte Weise die Afrikaner ersetzen könnten, die teuer seien. Der Preis für einen afrikanischen Unfreien variierte tatsächlich im Lauf der Zeit. Zu Beginn sehr teuer, wurde er mit dem Aufschwung des Menschenhandels und der Industrialisierung der Wirtschaft billig, je mehr Baumwolle die Maschinen der englischen Textilindustrie verschlangen und je stärker die Produktion gesteigert werden musste.

Die Frage nach dem eigentlichen Grund

Warum aber holte man zu Beginn des Menschenhandels im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert Unfreie aus Afrika, während man doch wusste, dass in den kontrollierten Gebieten der Neuen Welt zehn Millionen Einheimische lebten? Diese waren, wenn auch nicht unbedingt dienstfertig, so aber doch kaum widerspenstiger als die Afrikaner und noch dazu in geografischer Hinsicht in Reichweite und damit spürbar billiger. Ist der Grund also darin zu suchen, dass die Afrikaner als Arbeiter fähiger und geschickter waren, während die Indianer sich als arbeitsunfähig erwiesen? Ein Althistoriker hat eine wichtige methodische Frage aufgeworfen, die auch hier von Bedeutung ist. Er vermied es, sich auf Bemerkungen über die Psychologie der Unfreien in der antiken Literatur zu beziehen, weil dort die Ansichten der Sklavenbesitzer zum Ausdruck kommen und nicht die der Unfreien selbst.

Die methodische Warnung und die Suche nach den wahren Triebfedern

Wie der Althistoriker hinsichtlich der Psychologie der Unfreien die Bemerkungen ihrer Herren beiseitelässt, muss sich der Geschichtsschreiber des Menschenhandels davor hüten, im Hinblick auf die Lernwilligkeit oder Arbeitsfähigkeit der Afrikaner die Einschätzungen der Kolonisten zu übernehmen. Die Methode, die sich in Bezug auf die antike Sklaverei bewährt hat, ist auch in Bezug auf die neuzeitliche Versklavung angebracht. Die Triebfedern des transatlantischen Menschenhandels sind also anderswo zu suchen als in den Behauptungen über Fügsamkeit, Arbeitsfähigkeit oder klimatische Anpassung. Sie liegen in der wirtschaftlichen Logik der Plantagen, in der demografischen Katastrophe der Neuen Welt und in der politischen Konstellation der europäischen Mächte. Der Rassismus war nicht die Ursache der Verschleppung, sondern ihre nachträgliche Rechtfertigung, die dazu diente, ein ökonomisches Kalkül als naturgegeben darzustellen und das Gewissen der Täter zu beruhigen.

 

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