Überwachung und politischer Druck gegen die Sorben in der DDR
Die Überwachung der Sorben durch sowjetische und ostdeutsche Sicherheitsorgane begann nicht erst mit der Einbindung der Domowina in die von der SED beherrschten Strukturen. Schon unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten sorbische Organisationen, Geistliche und Einzelpersonen ins Visier verschiedener Geheimdienste. Die überlieferten Vorgänge zeigen, wie politische Kontrolle, Misstrauen und der Anspruch auf ideologische Anpassung das öffentliche und berufliche Leben in der Lausitz prägten.
Frühe Beobachtung der sorbischen Bewegung
Bereits 1945 interessierten sich der sowjetische Geheimdienst NKVD, der ab 1946 MGB hieß, der tschechoslowakische Staatssicherheitsdienst StB und die Abteilung K 5 der deutschen Polizei für die sorbische Bewegung und ihre Vertreter. Ein früher aktenkundiger Fall war eine Flugblattaktion im Herbst 1946. Der Tscheche Václav Moravec, der unter dem Namen Jan Knotek auftrat, verbreitete in der Lausitz Flugblätter einer Organisation namens Narodny partizan Łužica.
Die Führung der Domowina unter Paul Nedo nutzte die Aktion als Anlass, am 15. Februar 1947 bei der tschechoslowakischen Militärverwaltung in Berlin eine angeblich illegale Organisation anzuzeigen. Diese sei nach ihrer Darstellung von Vertretern des Exekutivorgans Narodna rada in Prag angeregt worden. Nach Moravecs Festnahme durch tschechoslowakische Sicherheitsorgane am 11. April 1947 verhörte der StB im Frühjahr zahlreiche Sorben, darunter Paul Kretschmer, Karel Macků, Georg Scholze, Georg Mirtschink, Paul Nedo, Georg Ziesche, Georg Rentsch und Johann Jatzwauk.
Die sorbische Frage als Angelegenheit der Besatzungsmacht
Am 1. Juli 1947 beriet die tschechoslowakische Regierung über die sorbische Frage. Sie entschied, diese als inner-sorbische Angelegenheit zu behandeln, für die die sowjetische Besatzungsmacht zuständig sei. Die Sowjetunion solle die Interessen der Sorben gegenüber den Deutschen vertreten und ihre kulturellen Anliegen unterstützen, darunter Schulen, Zeitschriften und Verlage. Damit wurde die Angelegenheit zunächst zu den Akten gelegt, nicht aber das Interesse der Sicherheitsorgane an der sorbischen Bevölkerung beendet.
Im Herbst 1950 nahm die Staatssicherheit Georg Rentsch und Bernhard Rachel fest und übergab sie dem sowjetischen MGB. Ein sowjetisches Gericht verurteilte die beiden nach Artikel 58-10 des Strafgesetzbuchs der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik zu 25 Jahren Arbeitslager. Als Begründung diente der Besitz politischer Literatur: jeweils ein Exemplar der in Paris veröffentlichten polnischen Exilzeitschrift Kultura und der in West-Berlin herausgegebenen Zeitschrift Der Monat.
Der eigentliche Grund für die Verfolgung lag nach der überlieferten Darstellung in ihrem politischen Wirken innerhalb der sorbischen Bewegung. Rentsch und Rachel hatten sich gegen den prokommunistischen Kurs der Domowina-Führung gestellt. Paul Ziesche, der Bruder des 1947 verstorbenen Georg Ziesche, entkam der Geheimpolizei aus seiner Wohnung in Bautzen und floh nach West-Berlin. Mit amerikanischer Unterstützung gelangte er später nach Westdeutschland.
Verfolgung und Kontrolle nach der Haft
Die Staatssicherheit versuchte bis Anfang der 1960er-Jahre, durch sorbische inoffizielle Mitarbeiter Informationen über Ziesches Kontakte in der Lausitz zu sammeln. Dabei stellte sie seine Verbindungen als mögliche Spionagetätigkeit für das Ostbüro der SPD dar. Rentsch und Rachel wurden im Januar 1954 aus dem DDR-Strafvollzug entlassen, nachdem sie zuvor aus sowjetischer Haft zurückgekehrt waren. Die Überwachung endete damit nicht.
Ein Bericht des inoffiziellen Mitarbeiters Johann Knebel, der den Decknamen Helmut Kutschang führte, dokumentierte im März 1954 die Kontakte der beiden Männer nach ihrer Entlassung. Rentsch habe sich noch nicht an die Domowina gewandt, sei aber in Crostwitz mit früheren Bekannten zusammengetroffen. Rachel habe sich nach Arbeit erkundigt und angeblich eine Stelle als Lehrer gesucht. Die Staatssicherheit bezog solche privaten und beruflichen Schritte in ihre Beobachtung ein.
Kirche und Staatssicherheit im Konflikt
Die Verfolgung einzelner Sorben stand in einer angespannten politischen Lage. In der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR versuchte die SED, politische und gesellschaftliche Bereiche fest unter ihre Kontrolle zu bringen. Bis zum sogenannten Neuen Kurs im Juni 1953 war das Verhältnis zwischen Staat und Kirche besonders konfrontativ. Auch die sowjetische Militärverwaltung reagierte empfindlich auf öffentliche Kritik, weil sie eine Beeinträchtigung des sowjetischen Ansehens befürchtete.
Große Aufmerksamkeit erregte 1949 ein Hirtenbrief des evangelischen Bischofs Otto Dibelius. Darin kritisierte er das politische System der sowjetischen Besatzungszone und dessen Überwachung sowie Denunziationswesen. In einem Gespräch am 8. Juni 1949 erklärte ein sowjetischer Vertreter gegenüber dem Generalsuperintendenten Friedrich-Wilhelm Krummacher, das Verhältnis zur evangelischen Kirche werde sich künftig abkühlen. Er beanstandete außerdem den Zeitpunkt des Hirtenbriefs, der während der Pariser Außenministerkonferenz veröffentlicht worden war.
Am 10. Juni 1949 ordnete die Abteilung K der Volkspolizei in Bautzen an, in den örtlichen Polizeirevieren festzustellen, ob der Hirtenbrief auch in den dortigen Kirchen verlesen worden war. Der Volkspolizeiposten in Neschwitz bestätigte, dass Pfarrer Gerhard Wirth den Brief am 3. Juli im deutschen Gottesdienst vorgelesen hatte. Daraufhin eröffnete die Abteilung K 5 in Bautzen einen Vorgang gegen Wirth und den Prediger Johann Heinrich Pabst. Die sowjetische Militärverwaltung in Sachsen wurde unterrichtet, und Pabst musste sich zu dem Fall äußern.
Geheimdienstliche Prüfung von Pfarrern
Die Polizei sollte außerdem ausführliche Berichte über Wirth und Pabst einholen. Dabei interessierten die Behörden sich nicht nur für ihre politische Vergangenheit und ihre Haltung zum staatlichen Aufbau, sondern auch für mögliche Kontakte nach West-Berlin und in die westlichen Besatzungszonen. Im Oktober 1949 beschrieb ein örtlicher Polizeibeamter Wirth als Förderer der christlichen Jugend. Zugleich wertete er dessen Bekenntnis zur Demokratie als bloßes Lippenbekenntnis, weil Wirth freiwillige Sonntagsarbeit für die Volkssolidarität ablehnte.
Im Oktober 1949 wurde der Vorgang zunächst abgelegt, doch Wirth blieb unter Beobachtung. Örtliche Polizisten, Dorfbewohner und inoffizielle Mitarbeiter meldeten seine Äußerungen und Aktivitäten. 1954 legte die Staatssicherheit erneut eine Überprüfungsakte an. Obwohl sie Wirth als Gegner der neuen Gesellschaftsordnung bezeichnete, konnte sie ihm keine konkrete staatsfeindliche Handlung nachweisen.
1956 wurde die Akte geschlossen, Wirth sollte jedoch in einer Beobachtungsmappe über sorbische evangelische Pfarrer weitergeführt werden. Die Überwachung beruhte damit nicht auf einem nachgewiesenen Verbrechen, sondern auf der politischen Bewertung seiner Haltung. Schon die Möglichkeit, dass ein Pfarrer öffentlich widersprach oder sich staatlichen Erwartungen entzog, reichte aus, um ihn langfristig im Blick zu behalten.
Auch kommunistische Sorben gerieten unter Verdacht
Die Sicherheitsorgane beobachteten nicht nur Gegner des Kommunismus. Auch Sorben, die der SED angehörten oder in der Domowina tätig waren, konnten wegen abweichender nationaler oder politischer Vorstellungen verdächtig werden. Im März 1950 berichtete Knebel über eine Äußerung des Domowina-Vorsitzenden Paul Nedo. Nedo habe bei einer Unterhaltung die Auffassung vertreten, es sei theoretisch richtig, die Sorben als eigene Nation anzusehen.
Für die Prüfung von SED-Mitgliedern waren in erster Linie die parteiinternen Kontrollorgane zuständig. Sie sollten politische Abweichungen in der Partei unterdrücken, widersprechende Mitglieder wieder eingliedern oder isolieren und die Parteibasis gegen abweichende Positionen abschirmen. Daneben führte die Staatssicherheit eigene Vorgänge gegen Sorben, deren Lebensläufe oder Kontakte Misstrauen erregten.
Paul Nowotny und Jacob Scheibe galten den neuen Machthabern wegen ihrer früheren Zusammenarbeit mit dem polnischen Untergrund während der nationalsozialistischen Herrschaft als verdächtig. Johann Ziesche geriet wegen seiner früheren Mitgliedschaft in der SPD in den Blick. In einem Vorgang gegen Nowotny wurde ihm unter anderem vorgeworfen, negativ über Staatsfunktionäre aufzutreten und der Parteilinie zu widersprechen.
Verdächtigungen ohne belastbare Beweise
Nach längerer Beobachtung musste die Staatssicherheit 1956 feststellen, dass sie weder Nowotny noch anderen verdächtigten Sorben eine aktuelle Agententätigkeit nachweisen konnte. Die Ermittler beschrieben die Arbeit als schwierig, weil die Betroffenen intelligent seien und sich nach außen hin angepasst zeigten. Der Mangel an Beweisen beendete das Misstrauen jedoch nicht grundsätzlich.
Auch Jacob Scheibe, Geschäftsführer der sorbischen Zeitung Nowa doba, wurde überwacht. Die Staatssicherheit interessierte sich besonders für frühere Kontakte zu Stephan Grzeskowiak, dem Leiter des SPD-Ostbüros. Nach mehr als einem Jahr Beobachtung ließ sich weder eine feindliche Tätigkeit noch eine Verbindung zu Grzeskowiak nachweisen. Um den Vorgang abzuschließen, führten MfS-Mitarbeiter im August 1955 ein Gespräch mit Scheibe und warben ihn schließlich als Kontaktperson an.
Die Akte gegen Scheibe wurde daraufhin geschlossen. Der Fall zeigt, wie die Staatssicherheit Verdächtige nicht nur beobachtete, sondern sie zugleich dazu bewegen konnte, Informationen für den Apparat zu liefern. Selbst eine Einstellung des Vorgangs bedeutete deshalb nicht zwingend, dass der Betroffene wieder außerhalb des Einflussbereichs der Sicherheitsorgane stand.
Nationales Selbstverständnis als politischer Verdacht
Der Historiker Ludwig Elle vertrat 2010 die Einschätzung, dass führende Sorben wie Paul Nedo, Jurij Brězan und Paul Nowotny trotz ihrer SED-Mitgliedschaft nicht unbedingt wie überzeugte Vertreter einer kommunistischen Kaderpartei auftraten. Ihre Positionen hätten teilweise sozialdemokratische Züge getragen. In politischen Krisen, etwa 1956, seien sie auf Distanz zu linientreuen Kommunisten gegangen und hätten versucht, marxistisch-leninistische Grundsätze mit sorbischen nationalen Anliegen zu verbinden.
Solche Positionen brachten ihnen von stalinistischen Funktionären den Vorwurf des Liberalismus ein. Kurt Krenz, ein kommunistischer Funktionär der älteren Generation und Vorsitzender der Domowina, stellte den sogenannten sorbischen Nationalismus 1957 als Gefahr dar. Er beanstandete Diskussionen über marxistische Ästhetik und die sorbische Kultur, Sprache und Familie. Die Verteidigung sorbischer Eigenständigkeit wurde damit von der Parteiführung als Abweichung und potenzielle politische Bedrohung behandelt.
Ab 1960 untersuchte die Staatssicherheit Johann Ziesche und weitere frühere SPD-Mitglieder im Vorgang Spalter. Eine Mitarbeiterin des MfS sollte Kontakte Ziesches zum SPD-Ostbüro in West-Berlin auskundschaften. Die Überwachung umfasste nach der vorliegenden Darstellung auch das Abhören seiner Wohnung und die Beobachtung seiner Person. Die Aktion blieb ohne Ergebnis, belegt aber den Aufwand, mit dem die Sicherheitsorgane vermeintliche politische Verbindungen verfolgten.
Debatten über Reform und Koexistenz
1964 leitete die Staatssicherheit erneut einen Vorgang gegen Paul Nowotny ein. Sie vermutete Verbindungen zu feindlich tätigen Organisationen, konnte diese aber auch nach längerer Bearbeitung nicht belegen. Zugleich beobachteten die Behörden unter sorbischen SED-Mitgliedern eine größere Bereitschaft zu offenen Diskussionen und zu abweichenden politischen Einschätzungen.
Das zeigte sich im Januar 1965 bei einer erweiterten Sitzung der Redaktion der sorbischen Kulturzeitschrift Rozhlad. Nowotny setzte sich dort für theoretische Debatten ein und verlangte, Fragen auch aus anderen Blickwinkeln betrachten zu können. Er verwies auf die veränderte internationale Lage und die Möglichkeit, innerhalb des Marxismus-Leninismus unterschiedliche Standpunkte zu erörtern. Der Bericht über die Sitzung gelangte an die Staatssicherheit, die solche Diskussionen als Anzeichen einer Aufweichung des festen Klassenstandpunkts deutete.
Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 gerieten Nowotny, Ziesche und Georg Mirtschink erneut unter Verdacht. Die Sicherheitsorgane warfen ihnen vor, Kontakte in die Tschechoslowakei zu nutzen, um unter sorbischen Intellektuellen nationalistische Stimmungen zu verbreiten. Dabei bezogen sie sich auf Kritik an der Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten und auf Vergleiche mit der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei 1938.
1969 leitete die Kriminalpolizei in Bautzen ein Ermittlungsverfahren mit dem Namen Gruppe ein. Trotz jahrelanger Untersuchung und intensiver Überwachung konnte eine staatsfeindliche Gruppenbildung nicht nachgewiesen werden. Das Verfahren wurde im Dezember 1972 eingestellt. Die Verdächtigten sollten jedoch weiterhin von inoffiziellen Mitarbeitern beobachtet werden.
Kontrolle in sorbischen Einrichtungen
Viele mittlere Angestellte der neu geschaffenen sorbischen Einrichtungen stammten aus einem christlichen Milieu, das an die nationale Bewegung der Vorkriegszeit anknüpfte. Johannes Schneider, Intendant des Sorbischen Volkstheaters und dessen einziger parteiloser Leiter, wollte sich den politischen Forderungen nach sozialistischem Realismus nicht unterordnen. 1958 verlor er seine Stellung und emigrierte nach Westdeutschland.
Der Szenograf Kurt Etzold und die Schauspieler Ludmila Nawka und Johann Schulze hatten sich öffentlich für Schneider eingesetzt. Die neue Theaterleitung kündigte ihnen daraufhin. Schulze verließ später ebenfalls die DDR. Im selben Jahr prüfte die Staatssicherheit auch die verbliebenen Mitarbeiter sorbischer Einrichtungen auf ihre politische Zuverlässigkeit.
Erich Schneider, Lehrer am Sorbischen Institut für Lehrerbildung in Kleinwelka, wurde verdächtigt, für den französischen Geheimdienst zu arbeiten. Die Behörden waren auf ihn aufmerksam geworden, weil er nahe dem Flugplatz Litten bei Bautzen wohnte und als Lehrer ungefähr dem gesuchten Personenbild entsprach. Zusätzlich misstrauisch machte sie, dass er eine frühere Anwerbung durch die Staatssicherheit abgelehnt hatte. Nach umfangreichen Ermittlungen bestätigte sich der Spionageverdacht nicht; dennoch wurde Schneider als Kontaktperson angeworben.
Haft und berufliche Ausgrenzung
Ein anderer Ausgang traf Heinz Schulze, Redakteur der sorbischen Zeitung Nowa doba. Die Staatssicherheit hatte ihn seit 1957 überprüft und verhaftete ihn im Mai 1958 in Bautzen. Ende desselben Jahres wurde er wegen staatsgefährdender Propaganda und Hetze zu 1 Jahr und 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Während seiner Haft erfuhr er, dass sein Arbeitgeber, der Domowina-Verlag, ihm gekündigt hatte.
Nach seiner Entlassung im Juli 1959 suchte Schulze eine neue Stelle. Der Verlagsdirektor lehnte seine Wiedereinstellung ab und riet ihm, sich durch eine Tätigkeit in der Produktion das Vertrauen der Gesellschaft zurückzuverdienen. Schulze fand schließlich Arbeit bei der evangelischen Kirche. Die berufliche Ausgrenzung setzte sich damit nach der Haft fort und schränkte seine Möglichkeiten ein, an das frühere Leben als Redakteur anzuknüpfen.
Denunziation und Beobachtung im Institut für sorbische Volksforschung
Im Februar 1958 meldeten Siegmund Musiat und Martin Kasper, Mitarbeiter des Instituts für sorbische Volksforschung, ihren Kollegen Marko Meschgang bei der Staatssicherheit. Sie verdächtigten ihn, Kontakte zum westdeutschen Ministerium für gesamtdeutsche Fragen unter Jakob Kaiser zu haben. 1959 legte das MfS eine Überprüfungsakte an. Strafrechtlich verwertbare Erkenntnisse brachte die Untersuchung bis 1963 zwar nicht, doch die Überwachung begleitete Meschgangs allmählichen Rückzug aus dem öffentlichen Leben.
Ein ungewöhnlich ausführlicher Bericht dokumentierte die Hochzeitsreise von Marko und Christina Meschgang nach Nessebar in Bulgarien im Sommer 1962. Die Überwachung reichte bis zur Kontrolle bei ihrer Ankunft am Flughafen Schönefeld und zur Beobachtung ihres Verhaltens während der Reise. Der inoffizielle Mitarbeiter notierte, dass sich das Paar von den anderen Reisenden fernhielt und fast ausschließlich Sorbisch sprach. Die privaten Gespräche und sozialen Kontakte der Eheleute wurden so zum Gegenstand eines geheimdienstlichen Berichts.
Auch im Institut galt Meschgang als zurückhaltend. Ein Mitarbeiter beschrieb ihn als still und schwer ansprechbar; mit den meisten Kollegen suche er keinen Kontakt. Die Staatssicherheit deutete diese Zurückgezogenheit nicht als private Eigenart, sondern als weiteres Hindernis für die politische Einschätzung seiner Person. Wer sich dem Zugriff der Behörden entzog und seine Gedanken nicht offenlegte, konnte gerade dadurch Verdacht erregen.
Ausgrenzung und Wegzug aus der Lausitz
Viele Sorben, die aus ihren Einrichtungen verdrängt worden waren, verließen die Lausitz, um anderswo Arbeit und ein Auskommen zu finden. Johannes Schneider zog nach München, Heinz Schulze nach Lauterbach und Marko Meschgang nach Leipzig. Am offiziellen sorbischen Leben nahmen sie danach kaum noch teil; einige wurden aus der Domowina ausgeschlossen, andere traten selbst aus.
Der weitere Lebensweg von Paul Nali zeigt, wie tiefgreifend solche beruflichen und persönlichen Brüche sein konnten. Er arbeitete zunächst als Arbeiter, später als Justiziar in Bautzen und Oschatz und schließlich als kirchlicher Rechtsanwalt in Dresden. Am 20. September 1976 starb er, nachdem er erst kurze Zeit in Dresden tätig gewesen war. Seine Frau nahm sich nach seinem Tod das Leben; Kinder hatte das Paar nicht.
Widerstand von Landwirten und Selbstständigen
Arbeiter, Landwirte, Handwerker und Selbstständige waren wirtschaftlich oft weniger unmittelbar von einer staatlichen Einrichtung abhängig als deren Angestellte. In ihrem beruflichen Umfeld war der politische Anpassungsdruck deshalb nicht immer gleich stark. Auch unter Sorben sind aus diesen Gruppen Proteste belegt, darunter anonyme und offene Schreiben an staatliche Stellen.
Wilhelm Neumann, Landwirt aus Döbbrick und ab 1959 Lagerhalter bei der Kraftfahrzeuggenossenschaft in Cottbus, geriet 1958 in einen Bericht des inoffiziellen Mitarbeiters Wilhelm Bähro, der den Decknamen Troll führte. Bähro beschrieb Neumann als Gegner des sozialistischen Aufbaus und als Vertreter des älteren sorbischen Patriotismus. Später berichtete er, Neumann habe sich von der offiziellen sorbischen Kulturpolitik entfernt, weil seine Beiträge nicht veröffentlicht worden seien und er mit der Domowina unzufrieden gewesen sei.
Neumann stand außerdem mit dem Tschechen Václav Macák aus Pilsen in Verbindung. Er hatte ihm eine niedersorbische Chronik seines Heimatortes geschickt, damit Macák sie bearbeitete und herausgab. Die Staatssicherheit fürchtete, eine Veröffentlichung könne den von ihr behaupteten Niedergang des Sorbentums in der Tschechoslowakei öffentlich machen. Bähro erhielt deshalb den Auftrag, die Chronik zu beschaffen; das Manuskript war jedoch nur in einem Exemplar vorhanden und befand sich bereits in der Tschechoslowakei.
1961 leitete die Bezirksverwaltung Cottbus einen operativen Vorgang gegen Neumann ein. Sie verdächtigte ihn der staatsgefährdenden Propaganda, der Ablehnung der sozialistischen Entwicklung auf dem Land und sorbischen Nationalismus. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, die DDR gegenüber tschechoslowakischen Bürgern in Fragen der sorbischen Entwicklung herabzusetzen. Nach längerer Bearbeitung konnte die Staatssicherheit keine neuen Erkenntnisse zu seinen Kontakten mit Macák gewinnen und gelangte auch nicht in den Besitz der Chronik.
1962 führte die Staatssicherheit ein Gespräch mit Neumann und schloss den operativen Vorgang. Die Behörden hielten ihre Vorwürfe im Wesentlichen aufrecht, sahen aber keine ausreichende Grundlage für eine Festnahme. Neumann blieb als Auskunftsperson im Blick des Apparats und sollte weiterhin gelegentlich durch inoffizielle Mitarbeiter überprüft werden.
Hans Kulling zwischen Berufsverbot und religiösem Rückzug
Hans Kulling verlor 1959 seine Stelle als Lehrer an der Sorbischen Sprachschule in Dissenchen. Eine Rückkehr in den Schuldienst seines Heimatkreises wurde ihm verwehrt. 1960 trat er schriftlich aus der SED aus, erschien aber nicht zu den anschließenden Gesprächen in seiner Parteigruppe und bei der Kreisleitung. Im selben Jahr beantragte er, nach Westdeutschland übersiedeln zu dürfen; die Genehmigung blieb aus.
Kulling engagierte sich daraufhin in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Schleife. 1963 leitete die Staatssicherheit wegen des Verdachts der Feindtätigkeit einen operativen Vorgang gegen ihn ein. Die Ermittler fanden keine offiziellen Beweise für eine strafbare Handlung, behaupteten aber, Kulling stehe der DDR feindlich gegenüber und beeinflusse andere Menschen mit seiner religiösen Weltanschauung. Sie überwachten ihn weiter und führten Berichte mehrerer inoffizieller Mitarbeiter zusammen.
Eine konspirative Durchsuchung seiner Wohnung verlief nicht wie geplant. Kulling erstattete wegen Hausfriedensbruchs Anzeige, woraufhin die Staatssicherheit ihn zu einer Aussprache vorlud. 1964 wurde die operative Akte abgelegt, weil sich der Verdacht nicht beweisen ließ. Kulling blieb dennoch unter der Kontrolle inoffizieller Mitarbeiter des MfS.































